Ausgabe Oktober 1990

Ein Staat, zwei Gesellschaften

Oder Plädoyer wider die Selbstaufgabe der Bundesrepublik

Aus allen (auch fast allen linken) Winkeln dröhnt uns derzeit die Mahnung zum Realismus entgegen.

Nun sei sie einmal geschehen, die Wiedervereinigung, wie ein Unwetter sei sie über uns gekommen, und fortan habe man sich damit abzufinden. Wer das nicht tue, katapultiere sich aus der Wirklichkeit heraus und begebe sich politischer Handlungsmöglichkeiten. Der Ton macht die Musik: Von Theo Sommer bis Klaus Hartung bekommen die Reden etwas Majestätisches, und mit nimmer ermüdender Hartnäckigkeit erinnern uns die journalistischen Auguren an einen monströsen staatlichen Vorgang, den wir auch ohne ihre theatralischen Mahnungen wohl kaum übersehen hätten. Warum dies fortwährende Bad im Banalen? Ich vermute, man macht sich selbst Mut - und verwischt Spuren.

Noch vor einem Jahr wäre ein Plädoyer für die Vereinigung beider deutscher Staaten (und erst recht für eine schnelle Vereinigung) ein Akt der Tempelschändung gewesen. Auch im Jahr der Menschenrechte - 200 Jahre nach der Französischen Revolution, fast zehn Jahre nach dem Auftakt der polnischen Opposition und unmittelbar vor dem politischen und ideologischen Ende des Ostblocks - galten hier der europäische und erst recht der deutsche Status quo als unantastbar und als eine zumindest noch sehr lange gültige vorletzte Weisheit.

Oktober 1990

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema