Ausgabe Oktober 1991

Die neue politische Landkarte Europas

Die Kartographen haben Hochsaison, und gegenwärtig muß man sich fragen, ob es überhaupt noch Zweck hat, neue Staatenkarten vom Kontinent zu drucken, wo sich innerhalb von Monaten, wenn nicht Wochen neue Länder bilden. Auf jeden Fall sind alle seit Ende der 40er Jahre entstandenen, je nach Weltanschauung und Bündniszugehörigkeit kolorierten Darstellungen Makulatur. Die Standardformel, der Kalte Krieg sei vorüber und die System-Konfrontation überwunden, trifft die Realität nur halb, denn heute kommt es darauf an, die Zukunft zu gestalten und nicht, wie dies bei der Trägheit der (westlichen) Regierungsbürokratie naturgemäß der Fall ist, zu beklagen, daß es jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs weder Berechenbarkeit noch Stabilität gibt.

Verwunderlich ist das weitgehende Verharren in den alten Denkweisen nicht, schließlich hat seit 1917/18 in Europa keine Revolution mehr stattgefunden, nur Staatsstreiche, gewaltsame Besetzungen, Ablösungen von Militär-Diktaturen. Die staatstragenden Kräfte waren außer Übung und sie gerieten außer Atem, als die Völker im Osten des Kontinents ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen - und dank der völlig unbeabsichtigten Konsequenzen der Perestroika Gorbatschows auch nehmen konnten.

Oktober 1991

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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