Ausgabe Mai 2007

Migranten als Avantgarde?

„Europa lässt uns nicht träumen“, sagt die niederländische Philosophin und Feministin Rosi Braidotti. Es fehle ein „soziales Imaginäres“, das sich nicht wieder nur aus dem Ideenreservoir der Nation speist, sondern eine andere Vorstellung postnationaler, „nomadischer“ Identitäten und Staatsbürgerschaften entwirft. Tatsächlich würde sich die Chance, diese Lücke zu füllen, gerade jetzt bieten, wo Europa dabei sei, sich selbst und seinen politischen Raum neu zu erfinden. Zudem hätten gerade postnationale Ideen – so Braidotti weiter – am Anfang des europäischen Neubeginns nach dem Zweiten Weltkrieg gestanden, waren es doch die Erfahrungen des deutschen NSFaschismus, seines Nationalismus und Rassismus, die das soziale Imaginäre eines anderen Europa beflügelten. Vor allem die Kosmopoliten der jüdischen und antifaschistischen Diaspora entwickelten den „dritten Ort“ eines posttotalitären, postnationalen Europas als realpolitische Perspektive der Nachkriegzeit. 1

Heute scheinen diese von Braidotti angesprochenen Ursprünge des modernen Europa vergessen. Der kosmopolitische Traum von einem offenen Europa, das seine historischen Grenzen überwindet, ist indes nicht tot.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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