Ausgabe Mai 2007

Migranten als Avantgarde?

„Europa lässt uns nicht träumen“, sagt die niederländische Philosophin und Feministin Rosi Braidotti. Es fehle ein „soziales Imaginäres“, das sich nicht wieder nur aus dem Ideenreservoir der Nation speist, sondern eine andere Vorstellung postnationaler, „nomadischer“ Identitäten und Staatsbürgerschaften entwirft. Tatsächlich würde sich die Chance, diese Lücke zu füllen, gerade jetzt bieten, wo Europa dabei sei, sich selbst und seinen politischen Raum neu zu erfinden. Zudem hätten gerade postnationale Ideen – so Braidotti weiter – am Anfang des europäischen Neubeginns nach dem Zweiten Weltkrieg gestanden, waren es doch die Erfahrungen des deutschen NSFaschismus, seines Nationalismus und Rassismus, die das soziale Imaginäre eines anderen Europa beflügelten. Vor allem die Kosmopoliten der jüdischen und antifaschistischen Diaspora entwickelten den „dritten Ort“ eines posttotalitären, postnationalen Europas als realpolitische Perspektive der Nachkriegzeit. 1

Heute scheinen diese von Braidotti angesprochenen Ursprünge des modernen Europa vergessen. Der kosmopolitische Traum von einem offenen Europa, das seine historischen Grenzen überwindet, ist indes nicht tot.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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