Ausgabe Juni 2010

Euro-Krise made in USA

Die Nachrufe auf den Euro demonstrierten, wie sehr die jeweiligen Temperamente, Nationalcharaktere und Kulturen divergieren: Die Europäer reagierten mit Grabesstimmung und düsteren Zukunftsgemälden, aber dennoch unbeugsam. Amerikaner und Engländer schaufelten fröhlich und selbstzufrieden Erde auf einen Sarg, der schon tief in der Grube lag. Ha, diese Europäer! Glauben doch tatsächlich, sie könnten den Märkten die Stirn bieten! Doch plötzlich, eines Montagmorgens im Mai, sprang der Sargdeckel auf und der Euro war wieder da, größer, besser und strahlender als zuvor!

Am Vortag, dem 9. Mai, hatte Bundeskanzlerin Merkel sich klugerweise nach Moskau verdrückt – sie wollte lieber bei der Siegesparade der Alliierten des Zweiten Weltkriegs auf dem Roten Platz zugucken als zu Hause am nordrhein-westfälischen Wahlsonntagabend eine demütigende Niederlage miterleben zu müssen. (Ihre Partei verlor dort, weil die Wählerinnen und Wähler ihr anlasteten, die lebenslustigen Griechen verprassten unter der ewigen Mittelmeersonne das Geld der Deutschen.) Und am gleichen Wochenende war Großbritannien ohne funktionierende Regierung, politisch enthauptet.

Noch vor Merkels Rückkehr hatten die Deutschen die Weiße Fahne gehisst. Die Euro-Krise war vorbei.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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