Ausgabe Juni 2010

Euro-Krise made in USA

Die Nachrufe auf den Euro demonstrierten, wie sehr die jeweiligen Temperamente, Nationalcharaktere und Kulturen divergieren: Die Europäer reagierten mit Grabesstimmung und düsteren Zukunftsgemälden, aber dennoch unbeugsam. Amerikaner und Engländer schaufelten fröhlich und selbstzufrieden Erde auf einen Sarg, der schon tief in der Grube lag. Ha, diese Europäer! Glauben doch tatsächlich, sie könnten den Märkten die Stirn bieten! Doch plötzlich, eines Montagmorgens im Mai, sprang der Sargdeckel auf und der Euro war wieder da, größer, besser und strahlender als zuvor!

Am Vortag, dem 9. Mai, hatte Bundeskanzlerin Merkel sich klugerweise nach Moskau verdrückt – sie wollte lieber bei der Siegesparade der Alliierten des Zweiten Weltkriegs auf dem Roten Platz zugucken als zu Hause am nordrhein-westfälischen Wahlsonntagabend eine demütigende Niederlage miterleben zu müssen. (Ihre Partei verlor dort, weil die Wählerinnen und Wähler ihr anlasteten, die lebenslustigen Griechen verprassten unter der ewigen Mittelmeersonne das Geld der Deutschen.) Und am gleichen Wochenende war Großbritannien ohne funktionierende Regierung, politisch enthauptet.

Noch vor Merkels Rückkehr hatten die Deutschen die Weiße Fahne gehisst. Die Euro-Krise war vorbei.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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