Ausgabe November 2014

Die zementierte Teilung

Literatur und Kritik 25 Jahre nach dem Mauerfall

Zu Lebzeiten von Goethe und Schiller stritt man in deutschen Landen ein wenig darüber, wer von beiden denn der größere Geist sei. Es gab geteilte Meinungen zwischen Nord und Süd, Ost und West. Als Goethe von dieser „Umfrage“ (oder gar einem Diskurs?) hörte, lächelte er weise: Deutschland möge doch froh sein, zwei solche Kerle zu haben. Sehr beziehungs- und lehrreich: Deutschland könnte zu jeder Zeit weit mehr machen aus den Erfahrungen seiner Teilung. Auch heute. Denn die Götter haben doch bei weitem nicht so profan und motorisch gewirtschaftet, dass sie etwa im Westen alle Heiligen, im Osten nur alle Einfalt ansiedelten.

Wenngleich: Auch im 25. Jahr nach dem Mauerfall hat der Verweis auf grobianische westdeutsche Praktiken bei der Bewertung von DDR-Leben noch immer mehr als nur historisch-anekdotische Bedeutung. Und das just im Bereich von Kunst und Literatur, wo man eigentlich einen gewissen Gediegenheitsgrad vergleichenden Denkens sollte voraussetzen können. Jüngstes Beispiel für das Gegenteil: Im September äußerte Tilman Krause in der Tageszeitung „Die Welt“ sein Missfallen über die Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen, Regie: Frank Castorf.[1] Nun muss man die Arbeiten des Chefs der Berliner Volksbühne überhaupt nicht mögen.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema