Ausgabe April 2022

Feuertaufe für Global Britain: Boris Johnson im Ukraine-Krieg

Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Besuchs in Estland, 1.3.2022 (IMAGO / Scanpix)

Bild: Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Besuchs in Estland, 1.3.2022 (IMAGO / Scanpix)

Manchmal sind es kurze, scheinbar nebensächliche Momente, die Verschiebungen in der politischen Landschaft einer Nation blitzartig aufzeigen. Die per Videolink übertragene Rede von Wolodymyr Selenskyj Anfang März im britischen Unterhaus war so ein Moment. Das galt ganz besonders für Selenskyjs Satz zum Schluss, mit dem er sich auf die bereits im Januar begonnene frühe militärische Unterstützung durch Großbritannien bezog: „Ich bin Dir sehr dankbar, Boris.“ Der ukrainische Präsident, zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Höhepunkt seiner Popularität, bedankte sich per Du bei Boris Johnson, dem Mann, der noch wenige Wochen zuvor im selben Unterhaus skandalumwittert kurz vor der Abwahl durch die eigene konservative Partei stand.

In diesem Moment aber war auch dem letzten der versammelten Abgeordneten im bis unters Dach vollbesetzten britischen Unterhaus klar, dass die Schlagzeilen um Johnsons illegale Weihnachtsfeiern von nun an den heimischen Medien kaum mehr eine Titelseite wert sein würden. Der tosende Applaus, der unmittelbar nach dem Ende der Selenskyj-Ansprache ausbrach, galt zwar zuallererst dem Redner selbst, diesem zum politischen Helden gewandelten ehemaligen Komödianten. Johnsons enges, fast freundschaftliches Verhältnis zu Selenskyj aber färbt auch auf ihn selbst ab. Selenskyj zitierte Churchill, Johnsons so oft bemühtes Vorbild, und wenn es so etwas wie politische Osmose gibt, dann fand sie hier statt.

April 2022

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der europäische Flüchtlingsschutz: Eine Ruine

von Vanessa Barisch

Haftähnliche Unterbringung, fehlender Rechtsschutz während des Asylverfahrens und die Legalisierung von Pushbacks, das sind die Merkmale, die ab Juni den Umgang mit Flüchtlingen in der EU prägen werden. Bis dahin sollen die EU-Staaten die schon 2024 beschlossene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems umgesetzt haben.