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Warum der Westen Russland braucht

Die erstaunliche Wandlung des Zbigniew Brzezinski

von Hauke Ritz

Der 1928 geborene Zbigniew Brzezinski ist eine der schillerndsten Figuren der außenpolitischen Elite der Vereinigten Staaten. Seine Schriften bestechen durch ihren Sinn für die machtpolitische Realität und irritieren zugleich durch die Konsequenz, mit der diese Machtpolitik entfaltet wird. Da Brzezinski an der Gestaltung des Kalten Krieges aktiv beteiligt war und bis heute eng mit den politischen Eliten Amerikas verbunden ist, sind seine Bücher nicht nur historische, sondern immer zugleich auch politische Dokumente, die einen tiefen Einblick in das Selbstverständnis amerikanischer Außenpolitik gewähren. Nun ist Brzezinski mit einem neuen Buch an die Öffentlichkeit getreten. Dieses trägt den Titel „Strategic Vision“ und ist insofern höchst bemerkenswert, als Brzezinski darin eine weitreichende politische Wende vornimmt. Er fordert eine umfassende Revision der bisherigen Ausrichtung der amerikanischen Außenpolitik seit dem Ende des Kalten Krieges. Die zentrale These des Buches lautet, dass die USA sich heute in einer ähnlichen Situation befinden wie die Sowjetunion in den 80er Jahren.

Ging es in seinem letzten großen Buch „The Grand Chessboard“ noch darum, die politische Kontrolle über Zentralasien zu gewinnen und sprach er 2008 immerhin noch von einer „Second Chance“ zur Errichtung einer unipolaren Welt, so gesteht er jetzt ein, dass der Machtverlust der USA und die multipolare Welt Realität geworden sind. Damit kommt es zu einer ganzen Reihe von Neubewertungen. Am erstaunlichsten ist, dass er seine radikale Gegnerschaft gegenüber Russland, die in all seinen früheren Büchern direkt oder unterschwellig präsent ist, aufgegeben hat. Mehr noch: Für das Überleben des Westens sei es zentral, Russland zu integrieren.

Von Carter zu Reagan

Die ganze Bedeutung dieser Kehrtwende wird jedoch erst verständlich, wenn man sich den Verlauf von Brzezinskis Karriere vergegenwärtigt. Man könnte Brzezinski als eine moderne Erscheinung des königlichen Beraters bezeichnen. In ihm verbinden sich die Eigenschaften eines politischen Denkers und kühlen Praktikers fast bis zur Ununterscheidbarkeit. Schon in seinen frühen Büchern wird seine Faszination für Macht und ihre Analyse deutlich. Seinem vorrangigen Interesse, die bestehenden Machtstrukturen im Dienste und Sinne der Vereinigten Staaten zu stärken, folgte auch seine Arbeit als Sicherheitsberater unter Jimmy Carter. Damals, in den Jahren 1977 bis 1981, war er direkt an der Ausgestaltung des Kalten Krieges beteiligt.

Waren Nixon und Kissinger noch primär um eine Erhaltung des Status Quo bemüht gewesen, interessierte Brzezinski von Beginn an die Frage, wie man den Kalten Krieg erneut verschärfen und zu einer endgültigen Entscheidung bringen könnte. Sein Einfluss muss auch deshalb hoch veranschlagt werden, weil viele seiner Konzepte anschließend auch von der Reagan-Administration fortgeführt wurden. 1998 enthüllte er in einem Interview mit der französischen Zeitung „Le Nouvel Observateur“, dass die USA bereits vor dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan die Mudschaheddin finanziell unterstützt hätten. Ziel dieser Politik sei es gewesen, so Brzezinski, die Wahrscheinlichkeit eines Einmarsches der UdSSR in Afghanistan zu erhöhen. Gefragt, ob er die Unterstützung fundamentalistischer islamischer Gruppen inzwischen bereuen würde, antwortete er: „Was soll ich bereuen? Diese verdeckte Operation war eine hervorragende Idee. Sie bewirkte, dass die Russen in die afghanische Falle tappten und Sie erwarten ernsthaft, dass ich das bereue. Am Tag, da die Russen offiziell die Grenze überschritten, schrieb ich Präsident Carter: Jetzt haben wir die Möglichkeit, der UdSSR ihr Vietnam zu liefern.“ Als der Interviewpartner nachhakt und auf die Verknüpfung von islamischem Fundamentalismus und Terrorismus hinweist, antwortet Brzezinski: „Was ist wohl bedeutender für den Lauf der Weltgeschichte? […] Ein paar verwirrte Muslime oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?“[1]

Brzezinskis „Hobby, Russland Schaden zuzufügen“

Der amerikanische Ökonom James K. Galbraith bemerkte einmal in einem Artikel, „für Brzezinski stelle es eine Art Hobby dar, Russland Schaden zuzufügen.“[2] Diese Charakterisierung spielte darauf an, dass Brzezinski nach dem Fall der Mauer und der Auflösung der UdSSR nicht zu einer wirklichen Neubewertung Russlands gelangt ist. Gewiss, es mag verständlich sein, dass jemand, der sich selbst als einen der führenden Strategen des Kalten Krieges betrachtete und sein gesamtes bewusstes Leben diesem Kampf gewidmet hatte, nach 1991 das Bedürfnis verspürte, diesen Sieg auszukosten.

Doch die politische Strategie, mit der Brzezinski dann 1997 in seinem bis heute berühmtesten Buch „The Grand Chessboard“ an die Öffentlichkeit trat, bedeutete letztlich weit mehr als nur eine solche Genugtuung. Eine genauere Analyse zeigt, dass sich Brzezinski in diesem Buch für eine versteckte und indirekte Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln ausspricht.

Der strategische Ausblick, den er vor 15 Jahren skizzierte, sah das Vordringen der USA und ihrer europäischen Verbündeten bis nach Zentralasien vor. Indem die EU sich nach Osten ausdehnen sollte, die Nato gleichfalls Richtung Georgien und Ukraine expandieren würde und Pipelinerouten durch verbündete Staaten bis ins kaspische Becken hinein verlegt werden sollten, hoffte Brzezinski eine Art neue Seidenstraße bis nach China etablieren zu können. Die entscheidende Bedeutung dieser neuen Handelsroute bestand für ihn darin, dass sie dem Westen erlauben würde, seinen Einfluss bis in das Zentrum des mit Abstand wichtigsten Kontinents der Welt – Eurasien – auszudehnen. Gelänge es, eine geopolitische Ordnung Eurasiens zu gestalten, so würde diese automatisch auch für andere Teile der Welt Verbindlichkeit erlangen. Zugleich würde dieses Vorgehen Russland – die größte Landmacht auf dem eurasischen Kontinent – an seiner Südflanke umgehen und so die ehemalige Supermacht zum Randstaat einer zukünftigen Weltordnung degradieren.

Failed state Russland, Supermacht USA

Brzezinski betrachtete 1997 Russland als einen gescheiterten Staat, der für absehbare Zeit in Chaos, Armut und ethnischen Konflikten versinken würde. So wird Russland von ihm als „schwarzes Loch“ beschrieben, das über keinerlei „geopolitische Wahl“ mehr verfüge, „denn im Grunde genommen geht es ums nackte Überleben.“[3]

Brzezinski dachte sogar laut über eine Teilung des Landes nach: „Einem lockerer konföderierten Russland – bestehend aus einem europäischen Russland, einer sibirischen Republik und einer fernöstlichen Republik – fiele es auch leichter, engere Wirtschaftsbeziehungen mit Europa, den neuen Staaten Zentralasiens und dem Osten zu pflegen.“[4] Einer machtpolitischen Einbeziehung Russlands in eine erweiterte westliche Weltordnung erteilte er dagegen eine klare Absage: „Russland war einfach zu rückständig und durch den Kommunismus zu heruntergewirtschaftet, um ein brauchbarer demokratischer Partner der Vereinigten Staaten zu sein.“[5]

Ähnlich wie Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg bei der Ausgestaltung des Versailler Vertrags für eine dauerhafte Schwächung des Deutschen Reichs eintrat, so propagierte Brzezinski in den 90er Jahren gleichfalls eine Weltordnung, in der der besiegte Konkurrent nur als geschwächter und eingekreister Problemstaat vorkam, während ihm die Rolle eines respektierten geopolitischen Akteurs nicht zugestanden wurde.

Die Unfähigkeit, den Kalten Krieg geistig hinter sich zu lassen, spiegelte sich auch in Brzezinskis Überschätzung der zukünftigen Rolle der Vereinigten Staaten wider. 1997 ging er davon aus, dass die USA mindestens für den Zeitraum einer Generation – also bis 2027 oder sogar darüber hinaus – ihren Supermachtstatus in der Welt würden aufrechterhalten können. Zeit genug also, um entlang der neuen Seidenstraße eine transeurasische Sicherheitsarchitektur zu entwickeln.

Dieser sich aus Pipeline- und Handelsrouten, Wirtschaftsniederlassungen, Militärbasen und pro-westlich regierten Ländern zusammensetzende geographische Raum sollte weite Teile Asiens mit einer ausgedehnten EU und expandierenden Nato verbinden. Schließlich könnte auch China in diese Struktur integriert werden. Denn ein „von multinationalen Korporationen, Organisationen […] geknüpftes Netz schafft bereits ein informelles Weltsystem“. Dieses auf fortschreitender Globalisierung beruhende Weltsystem würde dann die „Insignien des derzeitigen Herrschers der Welt annehmen“ und somit dazu führen, dass das politische System der USA und seine Kultur sich auf ein transnationales Weltsystem übertragen und in diesem auflösen würden: „Ein geostrategischer Erfolg dieser Zielsetzung wäre dann die durchaus angemessene Erbschaft, die Amerika als erste, einzige und letzte echte Supermacht der Nachwelt hinterlassen würde.“[6]Nun aber nimmt Brzezinski von dieser Vision entschieden Abstand. Er erkennt die zunehmende Schwächung der westlichen Staatengemeinschaft. Gelingt es dem Westen nicht, mit Russland und der Türkei langfristige Kooperationen einzugehen, laufe er Gefahr, in der Welt isoliert zu werden. Angesichts der sichtbaren Annäherung von Russland und China ist das von brennender Aktualität. Brzezinski bereitet seine Leser sogar darauf vor, dass die USA ihren Einfluss in Mexiko verlieren könnten. Für ihn steht fest: Die Zeit ist vorbei, da der Westen mit großspuriger Attitüde gegenüber Russland, China, Indien, Brasilien, Pakistan oder Iran auftreten kann.

Besonders bemerkenswert ist Brzezinskis Position zum Nahen Osten im Allgemeinen und zum Iran im Besonderen. Das politische Erwachen, das die arabische Welt, aber auch andere Regionen, kennzeichnet, lasse die Menschen heute besser verstehen, wie die USA ihre Macht in der ganzen Welt ausüben. Sollten die USA oder die Nato im Nahen Osten einen neuen Krieg beginnen, werde dies eine Welle des Antiamerikanismus hervorrufen, durch die der Westen fast jeden Einfluss in der Region verlieren könnte. Angesichts des neuen politischen Bewusstseins der Weltbevölkerung seien Kriege schlichtweg keine Optionen mehr.

Der Bruch mit den Neokons

Faktisch stellt das neue Buch den endgültigen Bruch Brzezinskis mit den Neokonservativen dar. Sein Verhältnis zu diesen war allerdings stets ambivalent. Von Beginn an trat Brzezinski für eine amerikanische Expansion ein, die aber mit einem als naturgesetzlich wahrgenommenen Trend, der Globalisierung, koinzidieren sollte, während die Neokonservativen für eine offene militärische Expansion plädierten. Als ehemaliger Direktor der Trilateralen Kommission sah Brzezinski die USA lange als ein informelles Imperium an, das über Kooperationen und internationale Vereinbarungen seine Macht ausübte, während die Neokonservativen die imperiale Macht der USA in Präventivkriegen offen zur Schau stellten.

Brzezinski ging es lediglich darum, den Supermachtstatus der USA für eine Generation aufrecht zu erhalten. Jenseits dieses Zeitraums fasste er eine Auflösung amerikanischer Macht in einem größeren transnationalen, von einflussreichen Konzernen bestimmten System ins Auge, in dem dann allerdings die politische Kultur der USA fortleben würde. Dagegen beanspruchten die Neokonservativen das gesamte 21. Jahrhundert als „neues amerikanisches Jahrhundert“ und legten dem die Einzigartigkeit und das Auserwähltsein der amerikanischen Nation zugrunde.

Doch trotz dieser Differenzen gab es auch Gemeinsamkeiten. Beide sahen die USA als den legitimen Architekten einer zukünftigen Weltordnung an. Beide definierten den Nahen und Mittleren Osten als die Region, in der die USA das Fundament für diese Weltordnung errichten müssten. Und beide konzentrierten sich darauf, Russland aus Europa herauszuhalten und durch Nato-Expansion, Weltraumbewaffnung, eine Einkreisung mit Militärbasen und durch den Raketenschild militärisch zu schwächen. Die Möglichkeit einer tiefergehenden Beziehung zum nachsowjetischen Russland wurde, trotz der Zugehörigkeit Russlands zum christlich-europäischen Kulturkreis, sowohl von den Neokonservativen als auch von Brzezinski ausgeschlagen.

Allerdings ging Brzezinski bereits 2007, in seinem vorletzten Buch „Second Chance“, mit den Neokonservativen hart ins Gericht. Ihr offen imperiales Auftreten habe bisher verhindert, dass die USA ein für das 21. Jahrhundert verbindliches Weltsystem haben errichten können. Der Krieg gegen den Terror sei in der islamischen Welt als Krieg gegen den Islam verstanden worden und habe die Stellung Amerikas in der Region geschwächt. Zudem hätten die Neokonservativen zu wenig gegen das sich herausbildende chinesisch-russische Bündnis getan.

Überhaupt sei die Bush-Administration zu nachgiebig mit Russland umgegangen. Denn „die Russen“, so äußerte sich Brzezinski noch 2008 in einem Interview, „mögen keine schwachen Leute.“[7] Trotz all dieser Fehler sah er immer noch eine zweite Chance, seine 1997 formulierten Pläne zu realisieren, wenngleich er auch schon damals warnte: „Es ist entscheidend, dass Amerika seine zweite Chance nach 2008 erfolgreicher nutzt, als seine erste, denn eine dritte Chance wird es nicht geben.“[8]

Obamas Bilanz: Das große Scheitern

Nun ist die erste Amtszeit Obamas fast vorbei und folgt man der Argumentation in Brzezinskis neuem Buch, so hat sich diese zweite Chance nicht erfüllt: „Amerikas Rolle […] muss in Zukunft angesichts der neuen Realitäten in Eurasien subtiler und verantwortungsbewusster ausgeübt werden. Dominanz durch einen einzigen Staat, egal wie mächtig er ist, ist nicht länger möglich, besonders seit neue regionale Mächte in Erscheinung getreten sind.“[9]

Das aber bedeutet weit mehr als nur den Eintritt in eine multipolare Welt. Brzezinski weist in verschiedenen Interviews zu seinem Buch darauf hin, das damit eine fast 500jährige Epoche zu Ende geht, in der stets atlantische Mächte die Welt dominiert hätten. Nach den Konsequenzen gefragt, äußert er: „Es bedeutet vor allem, dass wir nicht länger diktieren können. Wir können nicht mehr der abschreckende und für alle internationalen Belange zuständige Akteur auf der globalen Szene sein.“[10]

Das beinhalte nicht, dass die Welt, die nun entstehe, von China dominiert werden würde. Schon die an China angrenzenden Großmächte Russland und Indien würden das nicht zulassen. Aber es bedeute, dass einzelne Staaten im Grenzbereich der Großmächte, wie beispielsweise Georgien, Taiwan, Südkorea, Ukraine, Afghanistan, Pakistan und Israel sowie Teile des Nahen Ostens ihre Bindung an die USA verlieren und in das Kraftfeld neuer Mächte geraten könnten. Der Westen könne dennoch verhindern, in der Welt von morgen marginalisiert zu werden. Allerdings bedarf es hierzu seiner Vitalisierung und einer strategischen Vision. In außenpolitischer Hinsicht sei diese Strategische Vision die Einbeziehung der Türkei und Russlands in den Westen. Die Türkei würde sich bereits seit hundert Jahren an der politischen Kultur des Westens orientieren und müsse weiter in den Westen integriert werden, womit Brzezinski vermutlich eine EU-Mitgliedschaft meint. Und die Einbeziehung Russlands in einen vergrößerten Westen sei entscheidend für die Stärkung und zukünftige Glaubwürdigkeit des Staatenbündnisses.

Ein derartiges Bündnissystem – mit einer auf universale Werte ausgerichteten politischen Kultur, das von Vancouver bis Wladiwostok reicht – besäße Gewicht in der Welt. Zudem sei in Russland in den letzten Jahren zunehmend eine Zivilgesellschaft entstanden. In einem Vortrag vor dem Center of Strategic and International Studies spricht Brzezinski sogar davon, dass Russland bereits jetzt demokratischer sei, als unsere Medien es darstellten: „Wenn man in Russland lebt, ist man in der Lage Zeitungen zu lesen, die offen kritisch gegenüber Putin auftreten, ein Umstand, den wir hier zu wenig würdigen.“[11] Dieser Trend werde sich fortsetzen und eine Einbeziehung Russlands in den Westen könne in verschiedenen Stufen und Varianten erfolgen.

Amerika, der Westen und der Rest der Welt

Damit diese Vergrößerung des Westens gelingt, bedarf es laut Brzezinski aber auch einer Neubestimmung des Verhältnisses des Westens zur übrigen Welt. Denn erstmals seit der Französischen Revolution sei heute fast die gesamte Weltbevölkerung politisch erwacht. Dieses globale politische Erwachen sei in weiten Teilen der Welt von einem antiwestlichen Narrativ bestimmt. Erlittenes Unrecht während der Kolonialzeit, Interventionen der USA seit dem Zweiten Weltkrieg, der ungelöste Israel-Palästina-Konflikt und die jüngsten Kriege im Nahen Osten: All dies werde der Weltbevölkerung nun bewusst und habe zu einem weitreichenden Legitimitätsverlust westlicher Außenpolitik geführt. In mehreren Teilen der Welt könnte dies sogar zu einer grundsätzlichen Neubewertung der Beziehungen zum Westen führen, die dann andere Mächte, wie beispielsweise China, zu ihrem Vorteil nutzen könnten. Angesichts dieser neuen Situation könne die westliche Staatengemeinschaft nur überleben, wenn sie ihr Verhältnis zur übrigen Welt grundsätzlich überdenkt.

Brzezinski gibt unmissverständlich zu verstehen, dass die Frage, ob diese Erneuerung gelingt, über das Schicksal der westlichen Staatengemeinschaft entscheidet. In einem Interview äußert er: „Wir müssen aus unserer Erfahrung lernen, dass der Gebrauch von militärischer Macht unabsehbare Konsequenzen in Gang setzt und zudem sehr, sehr teuer ist. […] Wir können nicht länger der globale Polizist sein, denn es wird uns in den Bankrott treiben, innenpolitisch soziale Wut entfachen und international zum Verlust unserer Legitimität führen.“[12] Gegenüber dem Center of Strategic and International Studies äußert er seine zentrale Befürchtung: „Amerika könnte die gleiche Art von systematischer Lähmung erleben, mit der die Sowjetunion in den 80er Jahren konfrontiert war.“[13] Im Vorwort von „Strategic Vision“ führt er folgende sechs Parallelen zwischen der UdSSR der 80er Jahre und den heutigen USA auf:
1. Ein festgefahrenes und reformunfähiges politisches System, 2. Bankrott durch militärische Abenteuer und übermäßige Rüstung, 3. sinkender Lebensstandard der Bevölkerung, 4. eine politische Klasse, die zunehmend unsensibel für die steigende soziale Ungleichheit ist und nur darauf bedacht ist, ihre Privilegien zu verteidigen, 5. Versuche, den innenpolitischen Legitimitätsverlust durch außenpolitische Feindseligkeit zu kompensieren, und 6. eine Außenpolitik, die in die Selbstisolation führt.[14]

Die Lähmung der Vereinigten Staaten

Diese zunehmende Lähmung der Vereinigten Staaten könne nur überwunden werden, wenn innenpolitisch und außenpolitisch massive Reformanstrengungen unternommen werden. Innenpolitisch muss dafür der Einfluss von Gier und Korruption in unserem Wirtschaftssystem verringert, die soziale Mobilität in der Gesellschaft wieder erhöht werden. Zwar sei der Westen heute die einzige Kultur, die ein modernes Zivilisationsmodell anzubieten habe. Allerdings könne eine Gesellschaft mit hoher Säuglingssterblichkeit, hoher Arbeitslosigkeit, verfallener Infrastruktur und geringer sozialer Mobilität ihr politisches System nach außen nicht mehr überzeugend vertreten. Nur wenn die westlichen Staaten wieder als überzeugende Beispiele auftreten, könnten sie Demokratie in anderen Ländern verbreiten.

Außenpolitisch könne eine Lähmung, wie sie die UdSSR in den 80er Jahren erlebte, nur verhindert werden, wenn die Ignoranz überwunden wird, mit der unsere Öffentlichkeit heute andere Länder wahrnehme. Die meisten Amerikaner wüssten nach wie vor kaum etwas über andere Nationen. Brzezinski zitiert in diesem Zusammenhang Statistiken, die belegen, dass 75 Prozent der Amerikaner Iran nicht auf der Landkarte finden und 88 Prozent Afghanistan nicht lokalisieren können.[15] Politiker würden diese Ignoranz gezielt ansprechen, um Zustimmung zu erlangen. Dies habe dazu geführt, dass der außenpolitische Diskurs in westlichen Staaten „zunehmend primitiv, einseitig und historisch rückwärtsgewandt“[16] sei. Gegenüber dem PBS-Reporter Jeffrey Brown bezeichnet er das öffentliche Verständnis für Außenpolitik sogar als „abysmal“17, was man mit „katastrophal“, „bodenlos“ oder „grenzenlose Unwissenheit“ übersetzen könnte. So habe die amerikanische Öffentlichkeit den Irakkrieg befürwortet, obwohl er sich als strategischer Fehler ersten Ranges erwiesen habe. Dies dürfe sich angesichts eines drohenden Irankrieges nicht wiederholen, dessen strategische Sinnlosigkeit Brzezinski mit den Worten charakterisiert: „Ich denke, die Welt wird über uns lachen, wenn wir gegen den Iran in den Krieg ziehen.“[17]

„Demokratie“ ohne Ausstrahlung

In den westlichen Medien würden sich heutzutage jedoch fast immer die Kriegstreiber durchsetzen und gemäßigte Stimmen kaum Gehör finden. Brzezinskis Kritik bezieht sich dabei keineswegs nur auf die Öffentlichkeit der USA, sondern auf die aller westlichen Länder. Denn auch in Europa wird die öffentliche Diskussion zunehmend von Feindbildern bestimmt, während die außenpolitischen Perspektiven anderer Staaten oft nur verzerrt oder gar nicht wiedergegeben werden. Dieses systematische Ausklammern argumentativer Zusammenhänge in unserer Presse gefährdet aus der Sicht Brzezinskis die nationale Sicherheit in mehrfacher Hinsicht. Zum einen kämen dadurch strategisch falsche Entscheidungen zustande. Und zum anderen werde die Einseitigkeit der westlichen Presse in anderen Ländern durchaus registriert. Die westliche Berichterstattung untergrabe auf diese Weise die Ausstrahlungskraft unserer Demokratie und würde so die sich bereits abzeichnende Isolation des Westens weiter verstärken.

Brzezinski fordert deshalb ein verstärktes Bemühen um öffentliche Aufklärung über außenpolitische Zusammenhänge. Obama habe bemerkenswerte Reden in Prag und Kairo gehalten. Doch müsse er das amerikanische Volk auch direkt ansprechen und über die veränderte Stellung der USA in der Welt unterrichten. Brzezinski betont in diesem Zusammenhang ausdrücklich, dass Obama heute der einzige Präsidentschaftskandidat ist, der diesen dringend erforderlichen Kurswechsel der amerikanischen Außenpolitik durchführen könnte.

Vom Saulus zum Paulus?

Die Kehrtwende, die Brzezinski in seinem jüngsten Buch vorgenommen hat, ist höchst bemerkenswert. Als Sicherheitsberater unter Jimmy Carter verschärfte er einst die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion und führte die Situation in Afghanistan absichtlich zur Eskalation, was einen Krieg intensivierte, der Jahrzehnte später Al Qaida hervorbringen und zu einer Million Toten führen sollte. Auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR setzte er seinen Kampf gegen Russland fort; so sprach er sich etwa noch während der Georgienkrise 2008 für eine dauerhafte Isolierung Russlands aus.[18] Vor diesem Hintergrund ist es in der Tat erstaunlich, dass er nun offen für eine Annäherung und damit – auch wenn er dies nicht offen ausspricht – für die Aussöhnung mit Russland eintritt. Besonders hervorzuheben ist auch sein Werben dafür, dass sich Demokratie nur durch Beispiel und nicht durch außenpolitischen Druck verbreiten lässt.

Es ist Brzezinski hoch anzurechnen, dass er im hohen Alter noch in der Lage ist, die Perspektive auf das Weltgeschehen zu wechseln – auch wenn es weit besser gewesen wäre, Russland bereits in den frühen 90er Jahren stärker in westliche Sicherheitsstrukturen zu integrieren. Dass diese Integration damals nicht stattfand, obwohl sie mit geringen Zugeständnissen möglich gewesen wäre, dafür trägt Brzezinski maßgebliche Verantwortung. Eine echte Revision seiner Position würde daher bedeuten, diese Verantwortung auch einzugestehen.

Auch Brzezinskis Kritik am geringen öffentlichen Verständnis der internationalen Beziehungen ist anzuerkennen. Doch auch hier ist zu bemerken, dass er sich an der von ihm kritisierten medialen Demagogie oft genug selbst beteiligt hat, etwa als er noch 2008 Putin mit Hitler verglich.18 Als ehemaligem Sicherheitsberater muss ihm bewusst sein, dass moderne Kriege stets in den Medien gewonnen werden und aus diesem Grund das Pentagon wie die Nato ihre Pressearbeit unter Verwendung immer größerer Geldsummen massiv professionalisiert haben – vom Vietnamkrieg, über den zweiten Golfkrieg bis hin zum jüngsten Libyenkrieg. Brzezinski weiß somit allzu gut, wie die von ihm beklagte Ignoranz der westlichen Gesellschaften hinsichtlich außenpolitischer Zusammenhänge historisch entstanden ist. Und dennoch spricht er den Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes auf die Medienberichterstattung in seinem Buch dezidiert nicht an.

Doch trotz all dieser kritischen Einwände gibt Brzezinskis „Strategische Vision“ Anlass zu der Hoffnung, dass das westliche Staatenbündnis noch zu einer Selbstkorrektur fähig sein könnte – und uns eine Phase der Selbstisolation und Erstarrung, wie sie die Sowjetunion durchgemacht hat, letztlich erspart bleiben wird.

 


[1] „How Jimmy Carter and I Started the Mujahideen“, Interview mit Zbigniew Brzezinski, in: „Le Nouvel Observateur“, 15.1.1998. 

[2] James K. Galbraith, Democracy inaction, in: „Salon”, 30.11.2004. 

[3] Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Berlin 1997, S. 180. 

[4] Ebd., S. 288 f. 

[5] Ebd., S. 153. 

[6] Ebd., S. 307. 

[7] Zbigniew Brzezinski, Russians don’t like weak people, www.day.kiev.ua/154348. 

[8] Zbigniew Brzezinski, Second Chance – Three Presidents and the Crisis of American Superpower, New York 2007, S. 216. 

[9] Zbigniew Brzezinski, Strategic Vision – America and the crisis of global power, New York 2012, S. 131. 

[10] Zbigniew Brzezinski, Conversations, in: „PBS Newshour“, 8.2.2012. 

[11] Zbigniew Brzezinski, Strategic Vision, Center of Strategic and International Studies, 9.2.2012. 

[12] Zbigniew Brzezinski, Conversations, in: „PBS Newshour“, 8.2.2012. 

[13] Zbigniew Brzezinski, Strategic Vision, Center of Strategic and International Studies, 9.2.2012. 

[14] Zbigniew Brzezinski, Strategic Vision – American and the crisis of global power, New York 2012, S. 4. 

[15] Ebd., S. 52. 

[16] Zbigniew Brzezinski sounds alarm against military action against Iran, in: „Reuters TV“, 7.3.2012. 

[17] Zbigniew Brzezinski, Conversations, in: „PBS Newshour“, 8.2.2012. 

[18] Zbigniew Brzezinski, Russlands Vorgehen ähnelt dem von Hitler, in: „Welt Online“, 11.8.2008.

(aus: »Blätter« 7/2012, Seite 89-98)
Themen: Außenpolitik, Krieg und Frieden, USA und Russland

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