Kassandra aus Kiew | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Kassandra aus Kiew

von Achim Engelberg

Oksana Sabuschko ist eine der markantesten Stimmen Osteuropas, eine Vermittlerin zwischen Zeiten und Kulturen. Aus einer Dissidenten-Familie im sowjetischen Kiew stammend, musste sie als Heranwachsende erleben, wie der KGB ihren Vater brutal verhaftete und dieser kurz danach starb. Jegliche Sowjet-Nostalgie ist Sabuschko daher fremd – aber verständlich: „Denn an die Vergangenheit erinnert man sich nicht so, wie sie wirklich war, sondern so, wie wir sie gesehen haben.“ Die Autorin ist aber auch nicht wie viele osteuropäische Intellektuelle – man denke nur an den unlängst verstorbenen Václav Havel – eine glühende Bewunderin der USA. Als Fulbright-Stipendiatin war sie in Harvard und Pittsburgh und lernte dort kritische Intellektuelle und Denkrichtungen kennen, die sie eigenständig aufnahm. Geist und Sinnlichkeit, Figuren und gesellschaftlich-historische Zusammenhänge kennzeichnen ihr Schaffen.

Zwar gab es bisher schon einzelne Aufsätze von Oksana Sabuschko auf Deutsch zu lesen, aber nun erscheinen – pünktlich zur Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine – mit „Planet Wermut“ erstmals ausgewählte Essays in Buchform. Sie enthüllen uns die Ukraine als ein Land ohne Staatstradition. Länger als Polen verschwand es von der Karte Europas, aber seit gut zwanzig Jahren ist es der größte vollständig in Europa liegende Staat. Obwohl der speziell für die EM geschriebene Text – in dem sie Fußball als „die aktuelle postmoderne Variante von ‚liberté, egalité, fraternité‘“ deutet – der schwächste des Bandes ist, zeigt sich auch hier eine für Sabuschko charakteristische Verbindung zwischen Nationalem und Universellem. Ohne Scheu, auch eigene Widersprüche zu benennen, arbeitet sie an ihren Texten. Im Sommer etwa trage sie auch chinesische Schuhe, bequem und billig, bekennt sie und vermerkt: „Laut offiziellen Informationen des Außenhandelsdepartements der USA stammen 64 von 99 aus China importierten Artikeln aus ‚Arbeitslagern‘.“ Es liegt ihr offenbar an einer Erinnerung an den Gulag – und an die noch heute existierende, chinesische Variante: „Der wirkliche Schrecken meiner chinesischen Schuhe enthüllte sich mir in dem Moment, als ich in meiner Vorstellung in dem chinesischen Häftling, der sie fertigte, auch meinen Vater sah.“

Zum Titel: „Wermut – das heißt auf Ukrainisch Cornobyl“, der Ort ist hierzulande bekannt unter seinem russischen Namen: Tschernobyl. Die Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 und die von Stalin verordnete Hungersnot von 1933 sind die bis heute die Ukraine prägenden Desaster, die den Band leitmotivisch durchziehen. Die Reaktorkatastrophe deutet Sabuschko als den Anfang vom Ende der Sowjetunion; sie war für sie wie für ihre Kollegen prägend: Man spricht von der Cornobyl-Generation, obwohl keiner dieser nun die ukrainische Literatur dominierenden Schriftsteller etwas über den verhängnisvollen Unglücksfall geschrieben hat. „Aber wir drangen durch die Risse im Sarkophag in die Literatur und zugleich in einen Raum freier Rede vor, und mit Lungen voll verstrahlter Luft erhoben wir euphorisch die Stimme. […] und über alles, was wir nach 53 Jahren Schweigens zu sprechen hatten, kein Wunder, dass die Tragödie von 1986 noch nicht an die Reihe gekommen ist.“

Das große Schweigen beginnt für Sabuschko nicht, wie für viele Intellektuelle der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, mit der Oktoberrevolution von 1917, die durchaus emanzipatorische Absichten verfolgte, sondern mit einem der ersten Massenmorde des Stalinismus 1933. Hier zeigt sich der historische Sinn einer Autorin, die viel in Archiven arbeitet, Zeitzeugen befragt und Historiker konsultiert. Die ukrainische Realität, gestern und heute, bietet ihr dafür reichlich Stoff. So berichtet sie etwa von einem Mann, der nach der Unabhängigkeit 1991 auftauchte und sich registrieren lassen wollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nämlich in der Westukraine, die früher zu Polen gehört hatte, bis Anfang der 1950er Jahre bewaffneten Widerstand gegen den vorgetäuschten Sozialismus der Besatzungsmacht. Die meisten Kämpfer wurden getötet oder zu langjähriger Lagerhaft verurteilt. Der Mann, der nach vierzig Jahren wieder auftauchte, hatte im Keller des eigenen Hauses überlebt, das seine Schwester bewohnte. Frische Luft schöpfte er nur heimlich nachts, tagsüber arbeitete er als Schneider, im gleichen Beruf wie seine Schwester. Verständlich bei solchen Schicksalen, dass Oksana Sabuschko von der „Hilflosigkeit der gegenwärtigen Kunst angesichts der gegenwärtigen Realitäten“ schreibt.

Die große Hungersnot von 1933, der Holodomor, entwickelte sich fast zum Gründungsmythos der 1991 für unabhängig erklärten Ukraine, wie – man beachte die sprachliche Nähe – der Holocaust für Israel. Für Oksana Sabuschko schlug sich Ersterer „umfassender als der Zweite Weltkrieg als wahrhaft ontologisches Trauma im ukrainischen Bewusstsein“ nieder, da er eine der „ältesten Agrarkulturen“ traf, welche „auf einem der fettesten und größten Schwarzerdegebiete der Welt siedelt (hier befindet sich über ein Viertel der Schwarzerdeböden weltweit) und bis ins 20. Jahrhundert keine Hungersnöte kannte“.

Bis heute ist diese organisierte Hungersnot mit Kannibalismus und Millionen qualvoll Verhungerter in der westlichen Welt wenig bekannt. Oksana Sabuschko hält den Holodomor für einen von Russland geleugneten Völkermord. Zwar weiß sie von Historikern, die dem widersprechen, weil nicht die Ukrainer als Ethnie angegriffen wurden, sondern die selbständigen Bauern, die es besonders zahlreich in der Ukraine gab und die sich mehrheitlich ablehnend zur Sowjetmacht verhielten. Zweifellos hat dieses Verbrechen stärkere Beachtung verdient. Allerdings stimme ich hier mehr mit dem Historiker Christian Gerlach überein, der bei diesem wie bei anderen Phänomenen nicht von Genozid oder Völkermord spricht, sondern von „extrem gewalttätigen Gesellschaften“. Oksana Sabuschko greift bewusst diese nationalen Themen mit universellem Gehalt auf; gleichzeitig beleuchtet sie ein internationales Thema, die Frauenrechte, national. Für jeden aufmerksamen Ukraine-Reisenden sind Sexismus und Frauenentrechtung augenfällig. Blondierte Frauen auf Highheels und muskelbepackte Männer mit bulligen Autos sieht man in einer Dichte wie kaum anderswo. Sabuschkos letzter Text „Als Frau und Schriftstellerin in einer Kolonialkultur“ ist insofern grundlegend und liest sich bereits heute wie ein klassischer. Hier sind die privaten, nationalen und internationalen Bezüge, Motive und Traditionen prägnant vereint und variiert. Ausgehend von Autoren wie Roland Barthes und Simone de Beauvoir konstatiert sie eine „doppelte Marginalisierung“: als Frau und als Mitglied eines lange kolonialisierten Volkes, dessen Sprache als russischer Dialekt gewertet wurde.

Beides verbindend, fragt Sabuschko, „inwiefern die erzwungene Denationalisierung und die damit verknüpfte Reaktion (die Idealisierung sogenannter authentischer, natürlich patriarchaler Kulturmodelle) die eigenständige Entwicklung der ukrainischen Frau vor dem Hintergrund der Moderne unterlief“. Immerhin seien für diese drei grundlegende Merkmale typisch, mit denen unterlegene Kolonisierte gekennzeichnet werden: „unterhaltsame Exotik, latente Bedrohung und Lächerlichkeit. Die drei lassen sich auch problemlos in der Geschichte der kulturellen Rezeption weiblichen Schaffens ausmachen.“

Hier beruft sich Sabuschko auf eine andere ukrainische Kassandra, die hierzulande unbekannte Lesja Ukrajinka (1871-1913), die wie Jahrzehnte später Christa Wolf „die Geschichte vom Untergang Trojas entwickelt […] um die Gestalt der Kassandra […], durch die die Tragödie der nicht gehörten weiblichen Stimme gellt“. Simone de Beauvoir meinte, kein Mann sei Frauen gegenüber aggressiver und herablassender als derjenige, der sich seiner Männlichkeit nicht ganz sicher sei. Davon ausgehend, ergänzt Oksana Sabuschko, „die größte Unsicherheit hinsichtlich seines männlichen Charakters legt der Sohn eines unterworfenen Volkes an den Tag“. Diese treffende Bemerkung könnte man heute durchaus ausweiten auf die Gettos oder Banlieues westlicher Großstädte. Ihr bitteres Fazit: „Die Ukraine insgesamt bezeichnet sich heute als postkolonial. Die ukrainische Kultur an sich und in ihrer Gender-Struktur bleibt freilich weiterhin eine Kolonialkultur.“

All das ist jedoch nur die eine, analytisch-essayistische Seite der studierten Philosophin Sabuschko. Daneben gibt es aber auch die frühere Lyrikerin, wie die spätere Romanautorin, die mit ihren bizarren „Feldstudien über ukrainischen Sex“ internationales Aufsehen erregte. Mit dem großartigen „Museum der vergessenen Geheimnisse“ könnte sie gar in den Kanon moderner Weltliteratur vorstoßen. Auch dieser Roman, der die Schrecken der Stalinzeit mit denen der von Oligarchen bestimmten Ukraine verbindet, ist charakteristisch für Sabuschkos Arbeit an einer öffentlichen Gegenkultur.

Oksana Sabuschko, Planet Wermut, Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil, Droschl 2012, 168 S., 19 Euro.

(aus: »Blätter« 5/2012, Seite 119-121)
Themen: Europa, Geschichte und Kultur

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