IKEA: Zahlst Du noch oder hinterziehst Du schon? | Blätter für deutsche und internationale Politik

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IKEA: Zahlst Du noch oder hinterziehst Du schon?

von Karl-Martin Hentschel

IKEA-Möbel gehören zum Inventar deutscher Wohnzimmer wie Preiselbeeren zu Köttbullar. Weltweit gibt es mehr als 345 IKEA-Einrichtungshäuser, 46 davon allein in Deutschland. Und der Konzern expandiert: In den kommenden Jahren planen die Schweden, hierzulande bis zu 25 neue Möbelhäuser zu eröffnen. Nirgendwo sonst ist Ikea so erfolgreich wie in der Bundesrepublik.

Dieser Erfolg liegt nicht zuletzt in IKEAs Marketingstrategie begründet. Denn der Konzern verkauft weitaus mehr als nur Regale und Sofas, nämlich einen Lebensstil. Gezielt pflegt IKEA ein grünes, sympathisches Image und spricht seine Kunden jovial mit „Du“ an („Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?“). Dahinter steht eine Unternehmensideologie, derzufolge IKEA eine moralisch vorbildliche Firma ist, die für eine gerechte und nachhaltige Welt kämpft.

Die Wirklichkeit sieht allerdings vollkommen anders aus. Johan Stenebo, ehemaliger IKEA-Manager, erhob bereits 2009 schwere Vorwürfe gegen die Firma: IKEA werde geführt wie eine Sekte, diskriminiere Frauen und Schwarze, überwache seine Mitarbeiter, beute Kinder aus und sei für massive Umweltverschmutzungen verantwortlich.[1] Tatsächlich verlor IKEA Anfang 2013 zum wiederholten Male das Umweltsiegel Forest Stewardship Council für seine Hölzer, weil im Auftrag der IKEA-Tochter Swedwood schützenswerte Wälder in Karelien (Nordrussland) kahl geschlagen worden waren. Erst einige Jahre zuvor waren 70 Mio. der jährlich insgesamt etwa 200 Mio. benötigten Bäume in geschützten russischen Taigawäldern geschlagen und über chinesische Zwischenhändler an IKEA verkauft worden. Alexander Markowski, Leiter der russischen Umweltorganisation SPOK, warf dem Möbelkonzern vor, er achte bei der Wahl seiner Lieferanten vor allem auf den Preis statt auf den Schutz der Natur oder humane Produktionsmethoden. Ebenfalls im Jahr 2013 verlagerte IKEA die Produktion seines Bücherregals „Billy“ von Lettland nach Weißrussland – Europas letzter Diktatur. Dort sind die Löhne wegen fehlender Gewerkschaften ebenso niedrig wie die Steuersätze. Nur ein Jahr zuvor hatte IKEA nach der Veröffentlichung einschlägiger Stasi-Unterlagen einräumen müssen, dass politische Häftlinge und Strafgefangene in der DDR in den 70er und 80er Jahren IKEA-Möbel herstellen mussten. 

All diesen Negativmeldungen zum Trotz strömen die Kunden auch weiterhin in die IKEA-Verkaufshallen und bescheren dem Firmengründer Ingvar Kamprad sagenhafte Gewinne, die dieser mit einer systematischen Steuervermeidungspolitik weiter maximiert: Kamprad – mit geschätzten 40 bis 50 Mrd. Euro der viertreichste Mann der Welt – hat immer wieder betont, dass er Steuern als Kosten betrachtet. Um diese zu minimieren, hat die Gründerfamilie hinter der blau-gelben Fassade des IKEA-Konzerns ein überaus komplexes Labyrinth aus verschachtelten Einzelkonzernen und Stiftungen aufgebaut, mit deren Hilfe sie die Firmeneinnahmen erfolgreich verschiebt.

So erzielte IKEA im Jahr 2013 einen Umsatz von über 40 Mrd. Euro. Nur ein Bruchteil davon führte der Konzern jedoch an den Fiskus ab: Schätzungen zufolge zahlt er auf seine tatsächlichen Gewinne deutlich weniger als die Hälfte an Steuern als ein mittelständisches deutsches Unternehmen. Wie geschickt das IKEA-Konglomerat[2] bei der Steuervermeidung vorgeht, belegten erst jüngst die sogenannten Luxemburg-Leaks. Recherchen unter anderem der „Süddeutschen Zeitung“, des NDR und des WDR brachten zutage, dass die Steuerbehörden des Großherzogtums Luxemburg ausländischen Konzernen bereits seit Jahrzehnten überaus großzügige Steuervorteile einräumen. Der Fall IKEA veranschaulicht dabei besonders eindrucksvoll die Fülle der unterschiedlichen Tricks, mit denen sich Steuerabgaben von Großkonzernen auf ein Minimum senken lassen.

Das IKEA-Konglomerat und sein Patriarch

Die unterschiedlichen Teile des IKEA-Konglomerats sind in über 44 Ländern tätig und beschäftigen insgesamt rund 140 000 Mitarbeiter. Die einzelnen Unternehmen kümmern sich nahezu um die gesamte Wertschöpfungskette der Verkaufsprodukte – vom Möbeldesign über die Holzproduktion und die Möbelherstellung bis hin zum Verkauf. Das Holz stammt überwiegend aus russischen Wäldern in Karelien und Sibirien; die meisten Holz- und Möbelfabriken befinden sich in Osteuropa. Zudem beziehen die IKEA-Einkäufer Waren von über 1000 Heimeinrichtungslieferanten in 53 Ländern.

Über dieses Stammgeschäft hinaus hat der Konzern seine Geschäftsfelder in den vergangenen Jahrzehnten systematisch ausgeweitet. Mittlerweile betreibt IKEA ganze Einkaufs- und Vergnügungszentren, verkauft komplette Einfamilienhäuser, baut und managt Appartementhäuser und vertreibt Solar-Panels. Die neuesten Planungen betreffen eine eigene Hotelkette, den Bau von Studentenwohnheimen in ganz Europa und sogar eines gesamten Stadtteils in London im IKEA-Stil. Daneben gibt es Unternehmensbereiche, die Finanzgeschäfte in aller Welt betreiben – Banken, Versicherungen, Immobilien- und Aktienfondsverwaltungen – sowie zahlreiche Dienstleister, die für Steueroptimierung, Möbeldesign oder den Betrieb der weltweiten Restaurantkette in den Möbelmärkten zuständig sind.

All diese unterschiedlichen Geschäftsfelder werden von drei rechtlich voneinander unabhängigen Firmengruppen getragen: der INGKA-Gruppe[3], der Inter IKEA Gruppe und der IKANO Gruppe. Diese drei Gruppen umfassen mehr als 400 Firmen, die von der Familie Kamprad kontrolliert werden und auf verschlungene Weise miteinander verknüpft sind.[4]

Die INGKA-Gruppe ist die größte Unternehmensgruppe und „Cash-Cow“ des IKEA-Konglomerats. Unter ihrem Dach finden sich die meisten der IKEA-Möbelmärkte, aber auch Dutzende von Möbelfabriken, die Restaurantkette, die Auslieferungslager sowie eine Reihe von Dienstleistungsunternehmen einschließlich der gesamten Logistik. Die Muttergesellschaft der sechs INGKA-Unternehmensbereiche ist die INGKA-Holding B.V. mit Sitz in den Niederlanden, die sich im Besitz der Stiftung Stichting INGKA befindet.

Die zweite Unternehmensgruppe, die Inter IKEA Gruppe, ist rechtlich völlig unabhängig von der INGKA Gruppe. Mutter dieser Gruppe ist die Inter IKEA Holding SA in Luxemburg. Auch diese Holding gehört einer Stiftung, der Interogo Foundation in Liechtenstein, die für die Steuerung des Gesamtkonglomerats eine zentrale Rolle spielt. Das Herzstück dieser Gruppe ist die Franchise Division, die die weltweite Vermarktung der Marke IKEA betreibt. Die weiteren Abteilungen kümmern sich um Immobilien, Aktien, Vergnügungs- und Einkaufszentren, Hotels und vieles andere mehr. Ihre Töchter sind in vielen Ländern der Welt beheimatet; die Finance Division hat beispielsweise Ableger in Steueroasen wie Curaçao, Virgin Islands und Zypern.

Die undurchsichtigste der drei Gruppen ist die in Luxemburg ansässige IKANO Gruppe. Neben der Ikano Bank, die mittlerweile in 10 Ländern Tochterbanken hat, und der Versicherungsgruppe mit Töchtern in USA, Schweden, Luxemburg und Curaçao ist sie ebenfalls im Bereich der Immobilien- und Vermögensverwaltung tätig; zudem betreibt sie zahlreiche Einkaufszentren in Südostasien.

Über allen drei Gruppen thront der Patriarch Ingvar Feodor Kamprad. Er kontrolliert bis heute alle Teile des Konglomerats.[5] Kamprad wurde 1927 in der Gemeinde Älmhult in Südschweden geboren. Als 16jähriger Bauernsohn begann er, Konsumgüter – von Kugelschreibern bis zu Nylonstrümpfen – an die Bauern der Nachbarschaft zu verkaufen. Ab 1947 vertrieb er auch Möbel per Versand; 1951 erschien der erste IKEA-Katalog mit Bildern von fertig eingerichteten Zimmern – ein Novum in der damaligen Zeit. 1955 bot Kamprad erstmals eigens für IKEA entworfene Möbel an. Schon ein Jahr später wurden die Möbel zur Einsparung von Montage- und Versandkosten als Bausatz verschickt. Am 28. Oktober 1958 schließlich eröffnete Kamprad in Älmhult das erste IKEA-Möbelhaus – und legte damit den Grundstein für den heutigen Weltkonzern.

Seit den 70er Jahren lebt Kamprad aus steuerlichen Gründen in Lausanne in der Schweiz. Er gilt als schrulliger Charakter; sich selbst bezeichnet er gerne als „dümmlich“. Der IKEA-Gründer bekennt sich zu einer ausgeprägten Rechtschreibeschwäche und seinem nicht immer erfolgreichen Kampf gegen den Alkohol. Legendär ist seine Sparsamkeit: So sammelt Kamprad auch heute noch Bonusmarken im Supermarkt. Als junger Mann war er bis Anfang der 50er Jahre Mitglied der nationalsozialistischen Organisation SSS (Svensk Socialistisk Samling). 2008 wurde dies öffentlich bekannt, es kam zu Aufrufen, IKEA zu boykottieren, und Kamprad entschuldigte sich daraufhin unter Tränen im Fernsehen. Ob diese Reaktion tatsächlich einem Sinneswandel geschuldet war oder Kamprad lediglich einen Imageschaden von seinen Firmen abwenden wollte, ist allerdings unklar.

Die Steuertricks des IKEA-Konglomerats

Unter Kamprads Federführung wurde IKEA zum Vorreiter für die Strategien der Steuertrickserei, die heute von den meisten global agierenden Konzernen wie Apple, Amazon, Starbucks oder Google praktiziert werden.[6] Bereits der undurchdringliche Dschungel aus über 400 IKEA-Firmen erschwert es Steuerbeamten, deren Geschäftsbücher im Detail zu prüfen und eine effektive Besteuerung durchzusetzen.

Hinzu kommt, dass die IKEA-Möbelmärkte in der Regel kaum über Eigenkapital verfügen. So soll IKEA Deutschland zu 99,8 Prozent fremdfinanziert sein. Infolgedessen zahlen die einzelnen Märkte Zinsen für aufgenommene Kredite, die sie überwiegend vom Gewinn abziehen können und damit nicht versteuern müssen. Die Kredite werden auf den Finanzmärkten mit Hilfe von IKEA-eigenen Dienstleistungsfirmen aufgenommen und von der niederländischen Konzernmutter garantiert. Die Zinsen – und damit ein erheblicher Teil des Gewinnes – landen so über Umwege steuerfrei oder steuerbegünstigt bei anderen Unternehmen des Konglomerats, beispielsweise bei der IKANO Bank oder der Stiftung Stichting INGKA.

Eine weitere große Steuersparmöglichkeit ist die „kreative“ Gestaltung der Verrechnungspreise zwischen den einzelnen Unternehmen des Konglomerats und den Zulieferern. So verkaufen die IKEA-Märkte ihre Möbel in der Regel zum Selbstkostenpreis. Profite erwirtschaften die Märkte hingegen mit Accessoires. Die Gewinne der Möbelproduktion verbleiben auf diese Weise in den IKEA-Fabriken in Osteuropa oder sie landen in deren beiden Holdings in den Niederlanden. Theoretisch müssten die Steuerbehörden prüfen, ob die internen Verrechnungspreise realistisch sind. Allerdings sind die Gestaltungsspielräume der Verrechnungspreise so groß, dass selbst die OECD davon ausgeht, dass deren Manipulation der Hauptfaktor bei der Gewinnverschiebung auch für andere Konzerne darstellt.

Eine weitere beliebte Möglichkeit zur Verschiebung von Gewinnen bieten Kundenkredite. Im Falle von IKEA werden diese Kredite von der eigenen IKANO-Bank finanziert. Diese vergibt zu günstigen Konditionen Kredite an IKEA-Kunden. Die Vergünstigungen werden laut OECD-Bericht von den Möbelmärkten an die Kreditgeber vergütet, so dass weitere Gewinnanteile an die hauseigenen Banken fließen, deren Muttergesellschaft in Luxemburg sitzt und dort niedrig oder gar nicht besteuert wird.

IKEA besitzt außerdem eigene Versicherungsanbieter – unter anderem in der Steueroase Curaçao. Schließen Firmen Verträge mit hauseigenen Versicherungen ab, ergeben sich weitere Manipulationsmöglichkeiten – sowohl über die Versicherungsprämien als auch über die Leistungen der Versicherungen. Diese ermöglichen es Firmen des Konglomerats, weitere Gewinnanteile in Form von Versicherungsprämien in Staaten mit günstigeren Steuersätzen zu transferieren.

Das Geschäft mit immateriellen Werten

Den wirksamsten Hebel zur Steuervermeidungspolitik bietet jedoch der Einsatz immaterieller Güter. Globale Konzerne verkaufen heute nicht allein Produkte, sondern vor allem ein Lebensgefühl: Der Kunde kauft nicht mehr nur ein Regal oder einen Computer, sondern eine Marke, ein Image. Damit erhalten die Unternehmen noch deutlich mehr Spielraum für die Gewinnausweisung und damit die Besteuerung von Unternehmen. Denn die größte Wertschöpfung findet auch bei IKEA längst nicht mehr in der Möbelfabrik in Rumänien, sondern in den Design- und Entwicklungsstudios in Schweden, den Niederlanden, Kalifornien oder New York statt. Da es sich bei diesen „Werten“ um immaterielle Werte handelt, sind sie nicht lokalisierbar. Die Firmen platzieren sie daher in Steueroasen und verschieben ihre Gewinne über selbst auferlegte hohe Lizenzgebühren dorthin. Dieser Form der Steuervermeidung ist bislang kaum beizukommen: So sind Doppelbesteuerungsabkommen, die die Erhebung von Unternehmensteuern zwischen einzelnen Ländern regeln, bei Produkten wie Schrauben oder Waschmaschinen wirksam, nicht aber bei „immateriellen“ Werten.

Diese Lücke macht sich IKEA zunutze: Die Möbelmärkte sowie alle sonstigen Firmen, die unter dem Markennamen IKEA firmieren, führen drei Prozent ihres Umsatzes – dies entsprach zuletzt rund einem Drittel des Gewinns – als Lizenzgebühren an das Franchising-Unternehmen Inter IKEA Systems BV in den Niederlanden ab.

Diese Gebühren gelten als Ausgaben und minimieren daher den Gewinn, der in Deutschland versteuert werden muss. Doch auch in den Niederlanden musste die Franchising-Firma Inter IKEA Systems BV diese Einnahmen nicht in voller Höhe versteuern, weil die Firma als Forschungs- und Entwicklungsunternehmen geführt wird. Dieser Steuervorteil wird „Patentbox“ genannt. Damit muss die Firma laut Gesetz gerade einmal 5 statt der üblichen 25 Prozent an den holländischen Fiskus abführen.

Kamprads großer Coup oder: Das Geflecht der Stiftungen

Selbst diese geringe Abgabehöhe wusste Ingvar Kamprad noch zu unterlaufen. 2012 schenkte er den Markennamen IKEA seiner Familienstiftung, der Interogo Foundation in Liechtenstein. Diese verkaufte die Namensrechte wiederum an eine ihrer eigenen Tochtergesellschaften, die Inter IKEA Systems BV. Der Verkauf der IKEA-Rechte von einem Unternehmensteil an den anderen erfolgte für sage und schreibe neun Mrd. Euro. Da die Inter IKEA Gruppe nicht über die finanziellen Mittel für diesen Deal verfügte, lieh ihr die Mutterstiftung 5,4 Mrd. Euro. Auf diese Weise wurden neun Mrd. Euro steuerfrei nach Liechtenstein übertragen – im Ergebnis also eine steuerfreie Gewinnausschüttung. Zudem muss die niederländische Tochter nun jedes Jahr ihre Schulden mit mehreren hundert Millionen Euro an Zinsen bedienen. In Liechtenstein gilt die Interogo Stiftung als Privatstiftung ohne unternehmerische Tätigkeit und zahlt daher nur eine Pauschalsteuer von jährlich 1200 Schweizer Franken. Der Wert dieser Stiftung, in der das Privatvermögen der Kamprads gesammelt wird – Stiftungszweck ist der Unterhalt der Familie Kamprad –, beträgt schätzungsweise 15 Mrd. Euro. Dank der Interogo Foundation sollen die Kamprads bislang Abgaben in Höhe von 2,3 bis 3,2 Mrd. Euro gespart haben.

Dieser geniale Coup – quasi der Verkauf des Markennamens an sich selbst – wirft nur ein Schlaglicht auf das Netz von Stiftungen des IKEA-Konglomerats, das ebenso undurchschaubar erscheint wie das Firmengeflecht. Bereits in den 80er Jahren entschied Ingvar Kamprad, dass Stiftungen für ihn das optimale Träger- und Finanzierungsmodell darstellen: „Ich beschloss, dass der Aktienmarkt keine Option für IKEA war. Ich wusste, dass nur eine langfristige Perspektive unsere Wachstumspläne sichern konnte, und wollte verhindern, dass IKEA von Finanzinstituten abhängig würde.“

Das wohltätige Aushängeschild von IKEA ist die Stichting IKEA Foundation. Ihr Schwerpunkt liegt auf Programmen für Kinder, Bildung und Gesundheit in Indien und Pakistan. In der Selbstdarstellung des Konzerns als „engagiertes soziales Unternehmen“ spielt diese Stiftung eine zentrale Rolle – auch wenn die Spenden nur im Promille-Bereich des jährlichen Konglomeratgewinns liegen. Erst Anfang Dezember 2014 warb die Stiftung damit, dass sie 6,4 Mio. Euro an Save the Children zur Bekämpfung von Kinderarbeit spendet. Es ist die einzige Stiftung der Gruppe, die einen aufwendig illustrierten Jahresbericht veröffentlicht.

Die bedeutendste Stiftung – zumindest hinsichtlich der Steuervermeidung – ist jedoch die Stichting INGKA, der die INGKA Gruppe gehört. Ihr Stiftungszweck ist die Förderung der Innenarchitektur. Als eine Stiftung nach niederländischem Recht – eine not-profit-making legal entity – ist sie steuerbefreit und zugleich von der Pflicht entbunden, Unternehmensdaten zu veröffentlichen. Heute ist die Stichting INGKA mit ausgewiesenen 36 Mrd. Euro Vermögen die reichste wohltätige Stiftung der Welt – noch vor der Bill and Melinda Gates Foundation.[7]

Der Steuervermeidungspolitik einen Riegel vorschieben

In den letzten Jahrzehnten hat das Modell IKEA weltweit Schule gemacht. Google hat seinen Suchalgorithmus einer Tochter auf den Bahamas vermacht, um so Steuern zu sparen, und Amazon betreibt ebenfalls zwei Gesellschaften in Luxemburg, an die der Internethändler – am deutschen Fiskus vorbei – jedes Jahr Milliarden von Euro transferiert.[8]

Dabei könnte die Politik den Steuertricks durch IKEA und Co. jederzeit den Riegel vorschieben. Dafür wäre allerdings ein Systemwechsel bei der Unternehmensbesteuerung erforderlich. Derzeit wird jeder Firmenstandort eines Konzerns für sich separat besteuert. Um Gewinnverschiebungen innerhalb eines Konzerns auf die Spur zu kommen, muss die Steuerbehörde mühsam die Geschäfte und Preise zwischen den Betrieben einsehen. Das alternative Konzept, das unter Experten breite Unterstützung findet, heißt „Gesamtkonzernbesteuerung“ (Unitary Taxation, UT). In diesem werden die Betriebe nicht mehr separat besteuert, sondern als Teil einer Gesamtheit betrachtet, eines Multinationalen Unternehmens (MNU).[9]

Dies erlaubt die Festlegung von Steuern in drei Schritten. Im ersten Schritt werden alle MNUs per Gesetz verpflichtet, eine internationale Gesamtbilanz mit Zahlen über Investitionen, Mitarbeiter und Lohnzahlungen, Umsätze, Gewinne usw. vorzulegen. Im nächsten Schritt wird der Gesamtgewinn eines MNU aufgeteilt und den einzelnen Staaten zugeordnet, in denen der Konzern real tätig ist. Um die wirtschaftliche Tätigkeit zu messen, müssen drei Faktoren herangezogen werden: die Investitionen (assets), die Mitarbeiterzahl (payroll) sowie der Umsatz (sales). Die Zuordnung der Gewinne an ein Land geschieht nach einer bestimmten Formel, weshalb das Konzept auch als „Formulary Apportionment“ bezeichnet wird. Das Verschieben von Gewinnen in Steueroasen, in denen die Steuersätze extrem niedrig sind und oft nur Briefkastenfirmen existieren, böte den Konzernen keine Vorteile mehr, weil diese dort nicht aktiv wirtschaften.

Im dritten und letzten Schritt können dann die Nationalstaaten, in denen der Konzern tätig ist, ihren Steuersatz auf die ihnen zugeordneten Gewinne erheben. Auch das Verschieben von geistigem Eigentum in Steueroasen böte keine Vorteile mehr, wenn immaterielle Werte bei der Formelaufteilung nicht berücksichtigt werden, wie es beispielsweise eine aktuelle EU-Richtlinie vorsieht. Und die Vermeidung der Steuerpflicht durch Internetgeschäfte wäre ebenfalls nicht länger möglich, da der Umsatz dem Land des Käufers zugeordnet wird. Insgesamt entstünde durch die internationale Gesamtkonzernbilanz eine erheblich höhere Transparenz.

Große Vorteile ergeben sich auch für Entwicklungsländer, die über weniger gut ausgestattete Finanzbehörden verfügen. Durch die internationale Bilanz würden sie erstmals eine realistische Besteuerungsgrundlage für MNUs erhalten. OXFAM schätzt die Steuerverluste durch Steuervermeidung und Steuerflucht allein für die Entwicklungsländer auf über 240 Mrd. US-Dollar.[10]

Der Ball liegt nun im Feld der Politik. Die Diskussion über die Luxemburg-Leaks hat das Thema der „kreativen Steuervermeidung“ wieder ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. Dabei steht schon jetzt fest, dass eine grundlegende Reform der Unternehmensbesteuerung überfällig ist. Umso wichtiger ist es nun, den politischen Druck sowohl national als auch innerhalb der OECD und der Europäischen Union zu erhöhen. Denn erst wenn es ein Umdenken in der Politik gibt, wird sich auch ein Konzern wie IKEA endlich seiner gesellschaftlichen Verpflichtung stellen – und angemessene Steuern auf seine milliardenhohen Gewinne zahlen.

 


[1] Vgl. Johan Stenebo, Die Wahrheit über IKEA, Frankfurt a. M. 2010.

[2] Weil es keinen IKEA-Gesamtkonzern gibt, ziehe ich den Begriff Konglomerat vor. – Der Autor.

[3] Offiziell heißt sie jetzt IKEA Gruppe. Ich bleibe bei der früheren Bezeichnung INGKA Gruppe, um die Verwechslung mit der Inter IKEA Gruppe zu vermeiden. – Der Autor.

[4] Vgl. dazu Karl-Martin Hentschel, Ein Dschungel namens IKEA, 10.12.2013, www.attac.de.

[5] Lange Zeit hielt sich das Gerücht, Ingvar Kamprad habe sich aus dem IKEA-Management zurückgezogen. Tatsächlich aber ergab eine Recherche des schwedischen Fernsehsenders STV im Jahr 2011, dass er das gesamte Konglomerat über die Stiftung Interogo Foundation in Liechtenstein als Vorsitzender des Supervisory Board weiterhin steuert.

[6] Vergleicht man die bekannten Informationen über das Konglomerat IKEA mit dem Bericht der OECD über Steuertricks, dann liegt es nahe, dass alle in der IKEA-Struktur angelegten Möglichkeiten zur Steuervermeidung auch tatsächlich genutzt werden. Vgl. das IKEA-Dossier, Ein Dschungel namens IKEA, a.a.O.; OECD (Committee on Fiscal Affairs), Revised Draft Action Plan on Base Erosion and Profit Shifting, Juni 2013; Lorenz Jarass und Gustav M. Obermair, Steuermaßnahmen zur nachhaltigen Staatsfinanzierung, Münster 2012.

[7] Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer Stiftungen, darunter die IMAS Foundation, die deutsche IKEA Stiftung und die Familjen Kamprads stiftelse in Schweden. Sie sind regional tätig und betreiben unter anderem Bildungs- und Hochschulförderung.

[8] Selbst Experten der führenden Unternehmensberatungen halten das jetzige System der Unternehmensbesteuerung für gescheitert. Die G20 – der Club der wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt – hat bereits einen Plan zur Bekämpfung der Steuerflucht der internationalen Konzerne beschlossen. Vgl. OECD (Committee on Fiscal Affairs), Revised Draft Action Plan on Base Erosion and Profit Shifting, Juni 2013.

[9] Vgl. Sol Picciotto: Towards Unitary Taxation of Transnational Corporations. Tax Justice Network, Dezember 2012 sowie Axel Troost, EU: Steuerflucht als Geschäftsmodell, in: „Blätter“, 12/2013, S. 13-16.

[10] Vgl. OXFAM: Business among Friends – Why corporate tax dodgers are not yet losing sleep over global tax reform. OXFAM Briefing Paper, Mai 2014.

(aus: »Blätter« 1/2015, Seite 101-108)
Themen: Wirtschaft, Europa und Finanzmärkte

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