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Beständig kritisch – und offen

Norman Birnbaum zum 90. Geburtstag

von Bettina Gaus

Es gibt kaum jemanden, der so schonungslos – auch über eigene Irrtümer –, so klug, so distanziert, so resigniert politische Verhältnisse beschrieben hat und über eigene Enttäuschungen, die Enttäuschungen seiner ganzen Generation schreibt wie Norman Birnbaum, der große alte Vordenker der Linken in den USA. Und zugleich gibt es kaum einen Mann seines Alters – er wird am 21. Juli dieses Jahres 90 Jahre –, der so lebendig und so neugierig das Weltgeschehen betrachtet wie er.

Da steht er in der Küche seines alten Hauses in Washington – in einem der wenigen Räume, in dem nicht Bücherregale alles andere Mobiliar beherrschen –, gießt sorgfältig Wasser in einen Kaffeefilter aus Steingut, über den sich jedes Industriemuseum freuen würde, und fängt an, über den bevorstehenden Wahlkampf in den USA zu reden. Die Augen glitzern, und er wirkt gespannt, aufgeregt sogar. Ist er aufgeregt? Ach, woher denn. Er doch nicht. Dann lächelt er: „Na ja, vielleicht ein bisschen.“ Dieser scheinbare Gegensatz aus nüchterner Analyse, die sich aus der Erfahrung einer jahrzehntelangen Beobachtung des politischen Betriebes speist, und junger Faszination am Geschehen ist unwiderstehlich.

Das Leben des Soziologen und Publizisten Norman Birnbaum hat stets aus scheinbaren Gegensätzen und Widersprüchen bestanden. Der Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer der zweiten Generation – der Großvater war „Anstreicher“ –, geboren in Manhattan, New York, wuchs in einem politisch engagierten Elternhaus auf. Schon der Vater hatte studiert und war Lehrer geworden. Aber so unbegrenzt sind die Möglichkeiten im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten dann auch wieder nicht, dass ihm der Aufstieg in die geistige Elite des Landes an der Wiege gesungen worden wäre.

Norman Birnbaum promovierte dennoch in Harvard. Seine Karriere verlief steil: Dozent an der London School of Economics, in Oxford, am Amherst College in Massachusetts. Emeritiert wurde er als Professor für Politische Wissenschaften an der Universität von Georgetown in Washington DC. Doch ein Wissenschaftler im Elfenbeinturm war er nie. Er hatte Einfluss, durfte glauben, am ganz großen Rad mitzudrehen. Im Nationalen Sicherheitsrat der USA hörte man auf seinen Rat, auch in den Gewerkschaften. Robert und Edward Kennedy wollten wissen, was er zu sagen hatte. Da ist es verständlich, wenn man glaubt, die Welt verändern zu können.

Zum Selbstbetrug neigt Norman Birnbaum nicht, auch nicht dazu, seinen Nachruhm zu überschätzen. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb er vor drei Jahren über sich und seine Altersgenossen in den USA und in Europa, sie hätten „glanzvolle Karrieren gemacht und internationale Aufmerksamkeit gefunden. Wir besaßen einigen Einfluss in der Politik und dachten, dass es so weiter gehen werde.“ „Eine sich selbst regierende Bürgerschaft“ habe man sich vorgestellt, sogar oder gerade in der Wirtschaft und im Rahmen einer auf Partizipation ausgerichteten Demokratie. „Wir glaubten, eine immer besser gebildete Arbeitnehmerschaft werde sich in unseren Texten wiedererkennen.“

Seine Generation habe gedacht, sie sei auf dem Weg gewesen, „einen Anteil an der Lenkung und Gestaltung der Gesellschaft zu erlangen.“ Schließlich sei ihnen „von Bankern und Industriellen, Politikern, Verlegern und selbst von ansonsten skeptischen Gewerkschaftern“ zugehört worden. Die bittere Bilanz von Norman Birnbaum: „Wir verwechselten Aufmerksamkeit mit Zustimmung, Anerkennung als Darsteller mit Billigung des Dargestellten.“ Und: „Die Eliten, die uns so wohlwollend behandelten, bewiesen ideologisches noblesse oblige, aber sie machten uns nicht den Vorschlag, die Macht mit uns zu teilen.“ Wohl wahr. „Wir verwechselten Aufmerksamkeit mit Zustimmung“: Der Satz sollte im Großformat über allen Talkshows dieser Welt stehen. Vielleicht würde das dafür sorgen, dass Opportunismus nicht mehr – ja: nicht mehr ganz so opportun zu sein schiene.

Möglicherweise hat Norman Birnbaum selbst scharfe Kritik auch deshalb gut ertragen können, weil er stets mehr als eine Heimat hatte. Über viele Jahre hinweg lebte er in Europa, mehrere Sprachen – darunter Deutsch – spricht er fließend. Auch seine Analysen über europäische Länder, unter anderem Deutschland, sind schmerzhaft genau. 1964 schrieb er im „Spiegel“: „Die Bundesrepublik läßt einen auf den ersten Blick glauben, moderne Gesellschaften hätten sozusagen für überhaupt nichts anderes zu sorgen als für Beute-Verteilung. Dieser Staat funktioniert nicht nur ohne konstruktive politische Werte, er hält überdies bemerkenswert gut zusammen. Der die Bundesrepublik tragende politische Glaube besteht aus gemildertem Zynismus, reumütigem Nazismus und demokratischer Skepsis – und zwar in dieser Reihenfolge. Die Stärke dieses Staates liegt in der sturen Entschlossenheit seiner Bürger, gut genährt und ansonsten, vor allem vom Osten, ungestört zu bleiben. Schuldgefühl, Angst und Haß bestimmen noch immer die allgemeine Haltung.“

1964? Nicht 2016? Als Deutsche kann man diese Sätze bis heute kaum lesen, ohne zu verzweifeln. Wie wenig hat sich in mehr als einem halben Jahrhundert eigentlich geändert – dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges zum Trotz? Vielleicht die Reihenfolge. Mehr nicht.

Norman Birnbaum schont auch seine Heimat nicht. „Meine Qual mit Amerika“ ist ein Artikel im „Spiegel“ aus dem Jahr 1998 überschrieben. „Der Mangel an Zeitverbundenheit, die geschichtliche Orientierungslosigkeit und der entsetzliche Rückzug der Bürger ins Private kennzeichnet die Kritiker der amerikanischen Nation genauso stark wie die Hyperpatrioten.“

Fiele seine Bestandsaufnahme heute anders aus? Wohl kaum. Norman Birnbaum ist kompromisslos in seinen Analysen – aber er ist eben auch beständig und unentwegt offen für neue Aspekte, zum Umdenken bereit. Und so sagt er denn im April 2016, während der Kaffee durch den Melitta-Filter läuft: „Wenn Hillary Clinton tatsächlich die Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei wird, dann muss sie die sozialen Bewegungen integrieren und den Anhängern von Bernie Sanders ein Angebot machen.“ Er glaube, dass die Demokraten tiefgreifende Reformen nun nicht mehr vermeiden könnten.

Was für eine Stellungnahme – von einem Mann, der ein Kind war, als US-Präsident Franklin D. Roosevelt die von ihm bewunderten Sozialreformen durchsetzte, die als New Deal bekannt sind. Der 40 Jahre alt war, als Dwight D. Eisenhower zum Präsidenten gewählt und 74, als George W. Bush vereidigt wurde. Im Jahr des Einzugs von Barack Obama ins Weiße Haus feierte Norman Birnbaum seinen 82. Geburtstag.

Gelebte Zeitgeschichte. Und so jemand ist noch immer neugierig auf die nächsten Wahlen, glaubt noch immer daran, dass sie etwas im positiven Sinne verändern können? Ein stärkeres Plädoyer für demokratische Partizipation kann es nicht geben. Ach, und so wäre man gerne selber, wenn man dieses Alter je erreichen sollte.

(aus: »Blätter« 7/2016, Seite 35-36)
Themen: Geschichte, Medien und USA

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