Das rote Jahrhundert | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Das rote Jahrhundert

Von der Oktoberrevolution zum Weltkommunismus

World History Archive / Alamy Stock Photo Foto: World History Archive / Alamy Stock Photo

von Gerd Koenen

Als die Partei der Bolschewiki, der radikale Flügel der russischen Sozialdemokratie, sich im März 1918, also kurz nach ihrem erfolgreichen, aber noch ganz ungewissen Machtstreich, in „Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki)” umbenannte und im Frühjahr 1919 im belagerten Moskau bereits die Gründung einer neuen, dritten und diesmal „Kommunistischen Internationale” verkündete, da war das ein kühner Akt der Usurpation. Siebzig Jahre nach der Proklamation des „Manifests der Kommunistischen Partei” im März 1848 reklamierte sie damit einen längst historisch gewordenen Titel exklusiv für sich, auf den sie selbst zuvor nur sporadisch rekurriert hatte. Jetzt erklärte Lenin, ihr Führer und Spiritus Rector, dies sei der „wissenschaftlich einzig richtige” Name der Partei.

Bei dieser Umbenennung ging es weniger um den Begriff des Kommunismus, der auch in programmatischen Texten europäischer Sozialdemokraten als historisches Erbe oder vages Fernziel durchaus noch auftauchte, als vielmehr um eine radikale Neuausrichtung der eigenen Partei – durch ihre radikale Herauslösung aus allen Verbindungen und Traditionen des europäischen Vorkriegssozialismus, vor allem aber durch ihre praktische Umformung zu einem politisch-militärischen Machtorden, der sich gleich im Anschluss bereits zum Gründungskern einer demokratisch-zentralistisch organisierten „Weltpartei des Proletariats” erklärte.

Dieser leninistische Organisationstyp war die entscheidende Neuerung. Er machte die als „Sektionen“ der Moskauer Internationale sukzessive gegründeten Kommunistischen Parteien aller Länder tatsächlich zu „Parteien neuen Typs” und die Leninisten zu den Begründern einer völlig neu- und einzigartigen Weltbewegung. Zugleich bemächtigten die Bolschewiki sich eines ganzen Fundus historischer Begriffe und Symbole, die in den Katastrophen des Weltkriegs ihre alte, emphatische Bedeutung weithin verloren hatten und wie weggeworfene Feldzeichen die Schlachtfelder bedeckten. Jetzt, im Widerschein eines nicht endenden blutigen Gemetzels, das allen alten Bannflüchen gegen die Welt des Kapitalismus und der feudalen Standesprivilegien eine vollkommen neue, radikale Durchschlagskraft gab, leuchtete die rote Fahne auf den Palästen des zerborstenen Zarenreichs ausstrahlender denn je als ein apokalyptisches Heilszeichen, das von einer wahren „Menschheitsdämmerung” kündete.

Die „Oktoberrevolution” genannte bolschewistische Machteroberung im Jahre 1917 ist in ihren historischen Folgen somit tatsächlich kaum zu überzeichnen. Als Ereignis ist sie dagegen immer weiter geschrumpft, seit die historische Wahrnehmung sich aus dem Bann der überlebensgroßen Nachinszenierungen und Bildpropaganda der Sowjetära gelöst hat, die zu einer eigenen, machtvollen zweiten Realität geworden war.

Allerdings sollte man diese Deflationierung nicht so weit treiben, dass die von dem sympathisierenden US-Journalisten John Reed einst mit fliegender Feder beschriebenen „Zehn Tage, die die Welt erschütterten” ganz verschwinden. Eher käme es darauf an, das relativ Undramatische dieses Machtwechsels, der eher einem nächtlichen Wachwechsel glich und den die Einwohner Petrograds, geschweige die Bürger des Russländischen Reichs, anfangs kaum mitbekamen, selbst erst einmal zu entschlüsseln und in ein Verhältnis zur Wucht der weltgeschichtlichen Geschehnisse zu setzen, die diese Machteroberung möglich gemacht hatten – und die in den Jahren und Jahrzehnten danach aus ihr entsprungen sind.

Ihren kometenhaften Wiederaufstieg nach dem Debakel ihrer putschistischen „Auftritte“ im Juli 1917 hatten die Bolschewiki dem gescheiterten, vielleicht auch nur eingebildeten „Kornilow-Putsch“ Ende August zu verdanken, der sie über Nacht wieder in eine Schlüsselposition gebracht hatte.

Denn der misstrauisch gewordene Kopf der Provisorischen Regierung, Alexander Kerenski, hatte in einem abrupten Schwenk selbst das Gespenst einer blutigen Konterrevolution von rechts an die Wand gemalt und an die Selbstverteidigungskräfte der Republik und der Sowjets appelliert. Das aber machte den Slogan „Alle Macht den Sowjets!“, den die Bolschewiki auf Betreiben Lenins wegen der Dominanz der Sozialrevolutionäre und Menschewiki gerade erst hatten fallen lassen, wieder aktuell, während die Bewaffnung der „Roten Garden“ jetzt in das Gewand einer Mobilmachung gegen die drohende Konterrevolution gekleidet werden konnte.

Tatsächlich stand der wachsenden Apathie und Enttäuschung eines Teils des städtischen Publikums eine wachsende Radikalisierung und politische Polarisierung in anderen Teilen gegenüber, sowohl auf der Linken als auch auf der Rechten. Allerdings konnte sich die virulente, auch unter Soldaten, Arbeitern und Arbeitslosen populäre antisemitische Publizistik, die sich jetzt als ein „nationaler Sozialismus“ deklarierte, nie in eine schlagkräftige gegenrevolutionäre Bewegung und Organisation umsetzen.

Dennoch blieb das Gespenst der (protofaschistischen) „Schwarzhunderter“, gerade weil es so ungreifbar war, im Raum und trug wesentlich dazu bei, dass alle nicht-bolschewistischen Parteien und Politiker der Linken, bis hin zu Kerenski selbst, die Gefahr von links weit unterschätzten. Vor dem Versuch einer Parteidiktatur der Bolschewiki warnten sie vor allem deshalb, weil diese einer Konterrevolution von rechts den Weg bereiten werde. Dass die Leninisten, einmal an der Macht, die Sozialisten der anderen Fraktionen, mit denen sie Jahre gemeinsamer Aktivität, Haft und Verbannung oder Exil geteilt hatten und mit denen sie im neuen Quartier des Petrograder Sowjet, dem Smolny, Tür an Tür hausten, auf den Gängen plauderten und in der Kantine stritten, vollständig ausschalten oder sogar an die Wand stellen könnten – das war ihnen allen noch völlig unvorstellbar.

Lenins Wille zum Bürgerkrieg

Den Gesamtrussischen Rätekongress, dessen Zusammentritt die Bolschewiki auf Lenins Drängen mit ihrem nächtlichen, unsichtbaren Aufstand am 25. Oktober zuvorgekommen war, hatten sie damit faktisch gesprengt; und selbst von der Rumpfversammlung hatten sie nur ein begrenztes Mandat bis zu den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung im November 1917 erhalten. In diesen ersten und letzten freien Wahlen erhielten sie ein knappes Viertel der Stimmen, blieben also klar in der Minderheit. So ließ Lenin in einem nächsten Akt der Usurpation die eben gewählte Konstituante im Januar 1918 auseinanderjagen. Und mit dem gegen alle Widerstände in der eigenen Partei im Februar 1918 durchgesetzten Separatfrieden mit dem deutschen und österreichischen Kaiserreich in Brest-Litowsk überließ er einen großen Teil des nicht-russischen Reichsgebiets mit allen ihren Ressourcen widerstandslos der deutschen Kriegsmaschine für ihre Entscheidungskämpfe im Westen. Damit hatte er nicht nur keinen „Frieden“ gemacht und keine „Atempause“ gewonnen; sondern er hatte sehenden Auges einen innerrussischen Bürgerkrieg entfesselt, der das Land am Ende noch weitaus mehr menschliche und materielle Opfer kosten würde als der Weltkrieg.

Mit der Proklamation einer „Allrussischen Sowjet-Republik”, der Umbenennung seiner Partei in „Kommunistische Partei Russlands” und mit der Aufstellung einer neuen „Roten Arbeiter- und Bauernarmee” wurde die rote Fahne, geschmückt mit Hammer und Sichel, zur offiziellen Staatsfahne – und zur Fahne einer „proletarischen Diktatur”, die keine anderen Embleme mehr neben sich duldete, schon gar keine roten. Wer sich im anschließenden Bürgerkrieg nicht unter die bolschewistische Fahne stellte, der war per Definition „weiß” – und ein Agent der westlichen Mächte, mit denen sich die Russische Sowjetrepublik nach deren begrenzten Interventionen als im Krieg stehend betrachtete.

Die im Frühjahr 1919 gegründete Kommunistische Internationale dehnte, vor allem nach dem Frieden von Versailles, ihren Geltungsanspruch nominell auf die ganze Welt aus, die sich in Revolutionäre und Konterrevolutionäre teilte, die mehr oder minder mit den westlichen Siegermächten identifiziert wurden. Von den Türmen des Kreml wies jetzt ein roter Stern als eschatologisches Hoffnungszeichen den Proletariern aller Länder den Weg.

Diese feuerrot illuminierten bolschewistischen Weltbilder fanden im Westen, wo sich in jeder Haupt- oder Industriestadt in den 1920er Jahren ein „roter Wedding” oder ein „Little Moscow” bildete, zahlreiche Anschlüsse an die älteren Bildersprachen des Sozialismus. Obwohl die dreißig oder vierzig Kommunistischen Parteien dieser Anfangsjahre durchweg minoritär blieben, brachte das kommunistische Rot durch seine fanatische Intensität das sozialdemokratische Rot langsam zum Verblassen. Wie der roten Fahne erging es vielen Emblemen oder Liedern und schließlich auch dem marxistischen Erbe: Hier usurpiert, dort fallengelassen, wanderten sie nach und nach aus dem alten sozialistischen in den neuen kommunistischen Fundus, bis sie (scheinbar) identisch geworden waren.

Die Kommunisten des 20. Jahrhunderts traten einerseits also in die Fußstapfen der älteren sozialistischen Parteiliteratur. Aber gleichzeitig ergab sich aus der Globalität und Totalität ihres Gestaltungsanspruchs das Bedürfnis einer über alle Gegenwartskonflikte hinausgreifenden, menschheitsgeschichtlichen Selbstbeauftragung. Dieses Bedürfnis wurde umso dringender, je offensichtlicher war, dass die Basis für eine attraktive sozialistische Alternative zu den Ländern des westlichen Kapitalismus fehlte. So nahm, was in der bolschewistischen „Monumentalpropaganda” der ersten Jahre noch eher unbeholfen und improvisiert begonnen worden war, in der Ära Stalins bereits das Format einer ungeheuren, betäubenden, die soziale Realität geradezu ersetzenden Fiktion an, um in der Ära Chruschtschows und Breschnews schließlich zu einer seriellen Massenproduktion vaterländischer Heldengeschichten, spätsowjetischer Idyllen und futuristischer Zukunftsprospekte zu werden.

Hätte es sich dabei nur um professionelle ideologische Manipulationen seitens der Machthaber gehandelt, wäre die Sache einfach. Unterschätzt wird im Bild der kommunistischen Regimes als reiner terroristischer Zwangsanstalten und künstlicher Ideokratien jedoch meist das Spontane, Tiefverwurzelte und durchaus Volkstümliche, das den Kommunismus und den machtgestützten und militarisierten „realen Sozialismus” des 20. Jahrhunderts über weite Strecken getragen hat. Diese Anziehungskraft hatte aber weniger mit seinen avancierten wissenschaftlichen und technologischen Ambitionen zu tun, sondern eher mit seinen stationären und radikal vereinfachten, vom Stachel der permanenten Unruhe und einer notorischen Überkomplexität befreiten, auf neue Weise durch Traditionen, Regeln und Hierarchien gebundenen Lebensordnungen, wie sie sich im sozialistischen Alltag, in den Behördenstuben und Betriebsabteilungen, den Hinterhöfen und Datschenkolonien, den Feierritualen und Medaillenverleihungen auch tatsächlich organisch herausbildeten, überwölbt freilich stets von einem hybriden patriotischen Stolz auf die Macht des neuen Staatswesens oder des eigenen Weltlagers.

Fast ist man versucht, eine historisch-materialistische Gesetzmäßigkeit siegreicher Revolutionen zu formulieren, die auf ein ungeheures Paradoxon hinausläuft: Je brachialer ein politischer, sozialer, ökonomischer und kultureller Umbruch vollzogen wird, je tiefer die Risse, Brüche und Verwerfungen im sozioökonomischen und institutionellen Gesamtgefüge sind – desto ungefilterter, unreflektierter, unkulturierter strömen Residuen eines Vormodernen, Uralten, Mythischen, Tiefverwurzelten in die durcheinandergewirbelten Menschenmassen; und das vermutlich auf allen Ebenen der neuen Gesellschaftsformation.

So transportiert selbst Bertolt Brechts klassisch-epigrammatische Bestimmung des Kommunismus: „Er ist das Einfache, das schwer zu machen ist“ etwas vom Ideal einer neuen „Einfachheit“ des Lebens und von seinem Reiz gerade auch für Künstler und Intellektuelle. Der proletarische Paradedichter der SED, Kurt Barthel („Kuba“), fasste 1949 in einer von Jean Kurt Forrest expressiv vertonten „Kantate auf Stalin“ das Menschheitsziel des Kommunismus in die beklemmende Metapher: „Heim kehrt die Menschheit zum Feuer, zum Herde. / Winter und Wölfe! Die Menschheit kehrt heim! / Heim in die Freiheit der weltweiten Hürde ..., / heim in die Hege des Friedens der Welt.“ Fast möchte man nicht glauben, dass er das in vollem Bewusstsein so hingeschrieben hat. Es bezeichnet jedenfalls ein Zentralmotiv, das den Kommunismus des 20. Jahrhunderts von Anfang an mit getragen hat: nämlich der universelle und tatsächlich uralte Wunsch nach einer neuen Großen Ordnung, einer festen Großen Bindung, einem endgültigen Großen Frieden.

Nirgendwo anders als in Russland

Warum aber Russland? Hätte all das, was man mit einer kommunistischen Bewegung und Machtformation verbindet, irgendwo und irgendwann anders entstehen können? Damit bewegt man sich im Modus historischer Wahrscheinlichkeitsrechnungen, deren Ergebnisse in diesem Fall jedoch nicht allzu spekulativ erscheinen.

Nirgendwo anders als in Russland, genauer gesagt, im Zentrum des im Weltkrieg kollabierenden Russländischen Vielvölkerreichs, hätte eine so vergleichsweise kleine Kampforganisation wie Lenins Bolschewiki eine so große Macht so widerstandslos an sich reißen können. Nirgendwo anders hätte sie diese einmal usurpierte, mit kompromisslosem Terrorismus ausgeübte Staatsmacht in einem mehrjährigen Bürgerkrieg so triumphal behaupten, die historisch gewachsenen sozialökonomischen Strukturen so radikal einschmelzen und die abgefallenen Reichsteile so weitgehend zurückerobern können, um aus diesem heterogenen Material einen Suprastaat von solch neuartigem Zuschnitt, solcher Potenz und solch internationaler Ausstrahlung zu errichten. Nichts von alledem war „historisch notwendig”. Aber es war historisch möglich.

Tatsächlich war der „Bolschewismus“, wie Lenin ihn theoretisch elaboriert und praktisch begründet hatte, ein sehr besonderes Amalgam, in das neben westeuropäischen Ideen und Vorbildern – wie sie außer den Traditionen der Französischen Revolution vor allem der Marxismus und die deutsche Sozialdemokratie lieferten – die ganze, einzigartige Ideen- und Erfahrungswelt der radikalen russischen Intelligenzija einging. Diese Intelligenzija war aber auf ihre Weise (und mehr als ihr selbst bewusst war) ein Reflex der Autokratie und der besonderen historischen Daseinsweise Russlands.

Auch insofern waren der Bolschewismus und der von ihm reformulierte und verkörperte Kommunismus, wie Karl Schlögel gesagt hat, „nicht das ganz Andere, von außen gekommene Fremde, sondern russländische Geschichte im Zeitalter der mit Kriegen und Revolutionen einhergehenden Globalisierung”. Hier, im imperialen russischen Raum, hat der Kommunismus sich mit ganz eigenen historischen Lebens- und Daseinsweisen verbunden und amalgamiert.

Aber zugleich war dieses Russland oder vielmehr: dieses endlose, nach einer populären Formel „mit dem Verstand nicht zu erfassende“ Russländische Imperium eben auch der große west-östliche Generator oder Mixer, in dem sämtliche historischen und zeitgenössischen Ideen und Impulse, Lebens- und Produktionsweisen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts durcheinandergewirbelt und neu synthetisiert worden sind, so wie dieses ganze, supranationale, eurasische Imperium selbst schon ein einzigartiges Amalgam darstellte, das als solches für die neue weltgeschichtliche Rolle wie kein anderes in Frage kam, um nicht zu sagen: prädestiniert war.

„Das freieste Land der Welt“

Anfangs, im „roten Februar“ 1917, hatte die russische Revolution etwas Elementares, Neues erzeugt, so wie im Rausch der Oktobertage von 1905 schon einmal: „In wenigen Monaten sprach Russland alles aus, worüber es ganze Jahrhunderte geschwiegen hatte, [...] glich das Land Tag und Nacht einer pausenlosen, chaotischen Volksversammlung. Die Menschen rotteten sich zusammen und lärmten auf den Plätzen der Städte, an Denkmälern, auf den nach Chlor riechenden Bahnhöfen, in Fabriken und Dörfern, auf Märkten, auf jedem Hof, auf der Treppe jedes halbwegs bewohnten Hauses.” So Konstantin Paustowski in seinem Bericht vom „Beginn eines unbekannten Zeitalters”, dem zweiten Teil seines spätsowjetischen Memoirenwerks „Erzählungen vom Leben”. Russland, das sich in diesen Wochen und Monaten rühmte, das „freieste Land der Welt” zu sein, erging sich im Rausch des freien Wortes, der entbundenen Gedanken, eines aus den Tiefen des Unbewussten gespeisten, von phantastischen Erwartungen oder psychotischen Gespenstern getriebenen Bewusstseinsstroms, der mit dazu beitrug, dass der „Staat zerfiel wie ein Klumpen feuchten Lehms“.

Inmitten dieses kollabierenden alten Reichs übernahm nach dem 25. Oktober der von einer 3000köpfigen, engeren bolschewistischen Machtkohorte wieder in Besitz genommene Moskauer Kreml als der kleine, innerste Kern eines „roten Moskowien” das Kommando. Denn es musste, wie Trotzki später in betont hochpatriotischem Ton schrieb, eine „Moskauer Periode [...] zum zweiten Mal in der russischen Geschichte eine Periode des Sammelns von Staaten und der Schaffung von Organen ihrer Verwaltung” werden.

Dafür brauchte es dann allerdings nicht nur eine unmittelbare, inspirierte „Gefolgschaft”, sondern einen ausgedehnten, neu zu errichtenden Machtapparat jenseits der Hauptstädte sowie eine neue, millionenköpfige Rote Arbeiter- und Bauern-Armee. Diesem ganzen, erst noch zu rekrutierenden, zu formenden und energetisch aufzuladenden Machtkörper musste Lenin als der charismatische Führer dann allerdings auch „die nötigen inneren und äußeren Prämien [...] in Aussicht stellen”, wie Max Weber in einer kurzen Betrachtung über das eben zur Macht gekommene Regime der Bolschewiki schrieb, als dessen soziologische Hauptstütze er (nicht völlig falsch) statt der Arbeiterschaften der großen Fabriken eher die aus dem Bauerntum stammenden Soldaten und vor allem die im Weltkrieg in Befehlspositionen eingerückten Unteroffiziere der zerfallenen zaristischen Armee identifizierte. Innere Prämien für alle Parteigänger der neuen Macht waren etwa: „Befriedigung des Hasses [...] und des Bedürfnisses nach pseudoethischer Rechthaberei”. Äußere Prämien waren: „Abenteuer, Sieg, Beute, Macht und Pfründen”.

Aber so wie der Führer im Moment seines Erfolgs „vom Funktionieren dieses seines Apparates” abhängig sei, prophezeite Max Weber, so werde er immer zunehmend auch „von dessen – nicht: von seinen eigenen – Motiven“ abhängig. Denn auch „die materialistische Geschichtsdeutung ist kein beliebig zu besteigender Fiaker und macht vor den Trägern von Revolutionen nicht halt”. Sie alle – seine engeren Gefolgsleute, seine widerstrebenden Parteigenossen wie die ganze, in einer chaotischen Melange von Motiven und Interessen sich herausbildende, millionenköpfige, in Wahrheit buntgemischte Bürgerkriegspartei der „Roten” – hatte Lenin nicht nur in einen Kampf gegen zahllose Gegenparteien von „Weißen”, „Schwarzen”, „Grünen” usw. und damit in ein historisches Niemandsland geführt, von dem es kein Zurück mehr gab. Er hatte sie darüber hinaus auch dazu getrieben, die ungeheuerlichsten Mittel des Terrors anzuwenden, um nicht nur jeden aktiven Widerstand, sondern auch die sie allenthalben umgebende „Sabotage” zu brechen – die, wie der Dichter und Gewerkschafter Alexej Gastjew im Mai 1918 auf einem Kongress der nationalisierten Betriebe sagte, im Grunde doch „einer Sabotage der Nation, des Volkes, des Proletariats” gleichkam.

Die Sowjetrepublik als institutionalisiertes Chaos

Im Ergebnis war die „Russländische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik”, deren Verfassung im Juli 1918 endgültig verabschiedet wurde, eine in vieler Hinsicht „vormoderne” Konstruktion, die durch die Aufhebung aller ohnehin nur rudimentär entwickelten Gewaltenteilungen die tief eingewurzelten Traditionen autokratischer Macht fortsetzte. Aber zugleich war sie auch eine fatal moderne Konstruktion, ein Behemoth oder „Unstaat”, ein Reich der Gesetzlosigkeit, der Willkür, der Anomie, das sich aller zeitgemäßen Mittel von Organisation, Planung, Mobilisierung, Propaganda usw. bediente.

Das bedeutete nicht nur einen auf Dauer gestellten Dualismus von Staat und Partei, sondern eine Anarchie geschlossener, nach eigenen Regeln arbeitender Organisationen, die den Charakter riesiger Klientelverbände annahmen, von der Armee über die Justiz und die Planbehörden bis zu den Republiksführungen, sie alle durchsetzt und überwacht von einer Geheimpolizei, die sich je länger, je mehr zu einem monströsen, „außerhalb des Gesetzes” stehenden Sonderüberwachungsapparat mauserte – ein institutionalisiertes Chaos, das nur durch die Institution eines obersten Führers gesichert und verklammert werden konnte, eines Führers, der seinerseits nicht nur über der Verfassung und dem Gesetz, sondern auch über seiner Partei und ihren zentralen Organen stand.

Allerdings geht die überlebensgroße Gestalt Lenins (wie später die Stalins) in seiner formell-informellen Funktion eines obersten „Staats- und Parteiführers” nicht auf. Lenin war tatsächlich der Schöpfer dieses totalitären Un-Staats, Un-Systems, Un-Gemeinwesens, vergleichbar vielleicht nur mit den mythischen, gottgleichen Gründerkaisern und Gesetzgebern, die große Reiche schufen. Im historischen Nachhinein wirken solche Vergleiche befremdlich. Aber wie könnte man eine Devotion charakterisieren, die nach Lenins lange erwartetem frühen Tod (nach einer Serie von Schlaganfällen infolge eines sklerotisch deformierten Gehirns) das Zentralkomitee seiner Partei veranlasste, eine „Kommission zur Verewigung des Gedenkens an Genossen Lenin” einzusetzen, die im Januar 1924 beschloss, seinen tiefgefrorenen Leichnam dauerhaft zu balsamieren und in ein Mausoleum zu legen (in vielleicht nur halbbewusstem Zusammenhang mit dem Weltwunder der Entdeckung der Mumie Tutenchamuns in der Cheops-Pyramide 1922)? Und wie soll man den weiteren Entschluss qualifizieren, eine internationale Kommission zur wissenschaftlichen Untersuchung der „Genialität des Genossen Lenin” zu bilden, die in der „Architektur” seines Gehirns durch mikroskopische Untersuchungen die Spuren eben dieser „Genialität” finden sollte – die wiederum nur ein Konzentrat der Genialität der proletarischen Massen selbst sein sollte?

Eine rein politik-, sozial- oder gesellschaftsgeschichtliche Rekonstruktion verfehlt leicht das Ungeheure, Unerhörte, alle hergebrachten Maßstäbe Sprengende der ins Übergeschichtliche entrückten Gestalt Lenins. In seinem ewigen Advokatenhabit, in dem er Dekret nach Dekret schmiedete (mehrere hundert in vier bis fünf Jahren) war Lenin ein Typ des charismatischen Führers, wie es ihn in der Geschichte bis dahin wohl noch nicht gegeben hatte – eben wegen der „Totalität” des Unternehmens selbst. Aber umgekehrt war er auch ein Gefangener seines Apparats, vor dem er am Ende seines Lebens fast wie vor einem Golem selbst erschrak. Dieser Apparat musste seinerseits auf das Höchste interessiert sein, Lenins Charisma im magischen Akt seiner Balsamierung und Ausstellung „zu verewigen” und es in Form eines kanonisch ausgedeuteten „Leninismus” auf sich zu übertragen: Trotzki in der Attitüde des einzigen „Kongenius” unter lauter Epigonen, Stalin als der „treueste Schüler” des großen Toten.

Die Parteileute und kleinen Apparatschiks hatten ihrerseits schon zu Lenins Lebzeiten, rund um seinen 50. Geburtstag 1920, begonnen, sich mit seinem Charisma zu salben und unangreifbar zu machen, so durch Huldigungsadressen, die sich nicht scheuten, ihn als einen „neuen Gott der Menschheit” zu apostrophieren, der „den Weg zur Herrschaft des Sozialismus gezeigt” habe, sowie durch erste Umbenennungen ganzer Städte (in „Leninsk” usw.).

Dagegen war Lenin bereits machtlos gewesen; und als Toter war er erst recht einer kultischen Verehrung ausgeliefert – aber nicht mehr nur seiner interessierten und indoktrinierten Anhänger, sondern auch einer Masse seiner vielfach misshandelten bäuerlich-abergläubischen Subjekte, die sein Abbild als das eines strengen, tatsächlich gottgleichen Abgotts in jene „roten Ecken” ihrer Hütten und Wohnungen hingen, die den Ikonen des Herrn und seiner Heiligen vorbehalten waren. Als „Charismarch”, der in gefühlsarmer Beziehungslosigkeit zu seinen wechselnden Mitstreitern wie zum profanen Menschenvolk draußen lebte, hat Lenin aus sektiererisch wirkenden Anfängen eine Machtkohorte und mit ihr einen neuen Staat und eine globale Bewegung geformt, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend bestimmt haben.

Maos China – die zweite Periode des Kommunismus

Der Sieg der chinesischen Kommunisten im Bürgerkrieg im Oktober 1949 war jenes epochale Ereignis nach der russischen Revolution, das – parallel zur Gründung der DDR – die zweite Periode des Kommunismus als eines weltweiten politischen Phänomens erst besiegelt hat.

Dieser Sieg verdankte sich einer Dynamik, die deutlicher noch als im Fall der Bolschewiki die primären Triebkräfte bloßlegt, die diese historische Bewegung über eine so lange Strecke des 20. Jahrhunderts getragen und vorangetrieben haben, bevor sie schließlich erlahmt sind. Diese Triebkräfte lagen jedenfalls nur sekundär im Feld sozialer Widersprüche und Kämpfe. Sondern alle diese Konflikte waren für die chinesischen Kommunisten vor allem das Medium, um einen ihnen gehorchenden politisch-militärischen Machtkörper zu schmieden, der zum Gerüst eines neuen, zentralistisch und diktatorisch operierenden Staatswesens werden konnte und alle humanen und materiellen Potentiale des Landes in seiner Hand vereinigte.

Auch wenn die Parteibildung in China wie überall von städtischen und intellektuellen Milieus ihren Ausgang nahm und von hier auch immer neuen Zuzug erhielt, hatte es doch eine tiefere historische Schlüssigkeit, dass in der maoistischen Doktrin die Strategie des Einkreisens der Städte vom Land her als die Grundbewegung der Revolution theoretisch fixiert und auch praktisch realisiert wurde. Das war zugleich freilich eine historische Rückzugsbewegung vom „blauen“ China der modernen, kommerziellen und kosmopolitischen Küstenstädte und auf sie ausgerichteten ländlichen Wachstumsregionen in das „gelbe“, agrarische, innere China.

Über die tatsächliche agrarrevolutionäre Politik der Kommunisten in den zwei Jahrzehnten des Bürgerkriegs lässt sich, ohne der Komplexität dieses Themas Gewalt anzutun, so viel sagen: dass sie weniger einem für sich stehenden Ideal egalitärer Gerechtigkeit folgte als vielmehr ein zielstrebiger Versuch war, das vielfältige Geflecht von Spannungen und Konflikten in den Dörfern (und oft auch zwischen den Dörfern oder Klans) so zur Entladung zu bringen und zu nutzen, dass die Selbsterhaltungs- und Rekrutierungsbedürfnisse der roten Macht in derselben Weise gesichert waren, wie es später einmal der Bestand des Staates sein würde.

Möglich geworden war der Griff der chinesischen Kommunisten zur Staatsmacht und ihr Aufstieg zur Führerin der Nation letztlich aber – wie im Falle der Bolschewiki auch – nur durch den Weltkrieg, nicht durch eine sozialrevolutionäre Erhebung. Der wahnwitzige Versuch des kaiserlich-militaristischen Japan, sich zum Herrn über ganz China, und damit über ganz Ostasien und den gesamten pazifischen Raum zu machen – ein Unternehmen, welches das unmittelbare Gegenstück zu Hitlers kontinentalen Eroberungskrieg vom Nordkap bis Nordafrika, von der Biskaya bis zur Wolga darstellte – hatte die militärischen und politischen Kräfte der Kuomintang-Regierung erschöpft, die die Hauptschläge der japanischen Okkupationsarmeen ausgehalten hatte. Und die Verwüstung der Küstenzonen und Hauptwirtschaftsgebiete war – neben Chaos und Korruption – der elementare Grund für den Malstrom der Inflation und des Zerfalls, in dem die Nationalregierung unterging.

In diesem Sinne handelte es sich bei der Machteroberung der chinesischen Kommunisten, weniger noch als bei der der Bolschewiki, um eine Revolution im klassischen Verstande dieses Wortes. Mao zog an der Spitze seiner Feldarmeen in Peking ein, und danach in den anderen alten Hauptstädten und Zentren des Reichs. Und sein zum geflügelten Wort gewordener Satz am Vorabend der Proklamation der „Volksrepublik China“: „Das chinesische Volk, ein Viertel der Menschheit, hat sich endlich erhoben“, beschrieb den eigenen Sieg jedenfalls in Kategorien einer nationalen Wiedergeburt als ein großes Land und großes Volk, weniger in Kategorien einer sozialen Gerechtigkeit. Nicht das Proletariat ist „aufgestanden“, sondern China.

Von Deng Xiao-ping zu Xi Jinping – ein hybrides System neuen Typs

1977, ein Jahr nach Maos Tod, hat der aus der Versenkung wiederaufgetauchte „kleine Steuermann“ Deng Xiao-ping die Ära der katastrophal gescheiterten maoistischen Politiken eines mit bloßen Händen zu vollbringenden „Großen Sprungs nach vorn“ und einer gewaltsamen kulturrevolutionären Neuformatierung Chinas mit wenigen knappen Sentenzen jäh beendet. In einer überraschenden Wendung erklärte er stattdessen die hundert Jahre zurückliegende „Meiji-Restauration“ in Japan, die „eine Art Modernisierungsfeldzug, der von der aufsteigenden japanischen Bourgeoisie ausging“, gewesen sei, zum Vorbild, um lakonisch zu schließen: „Als Proletarier sollten und können wir das besser machen.“

Diese „Meiji-Restauration“ Dengs ist in der Tat zur großen Wasserscheide der Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert geworden – durch die Öffnung des Landes und seine Eingliederung in moderne weltwirtschaftliche Arbeitsteilungen, die eine Fülle lange zurückgestauter Entwicklungskeime auf Basis einer alten agrarischen und handwerklichen Arbeitskultur und früh entwickelter städtischer Lebensformen zur Entfaltung brachte. Für die exponentiellen Wachstumsschübe, in denen China sich (anders als Russland und die Nachfolgestaaten der UdSSR) schon seit dem Beginn der Reformperiode der 1980er Jahre entwickelt hat, und vollends nach der Niederschlagung der Unruhen von 1989 und der Reformen der 1990er Jahre, gibt es kaum einen angemessenen historischen Vergleich.

Dengs Faustformel „In wirtschaftlichen Fragen gelockerte Kontrolle, in politischen Fragen strikte Kontrolle“ verband den kollektiven Selbsterhaltungstrieb seiner Partei mit den unterdrückten Raubtierinstinkten einer nepotistischen Selbstbereicherung – also mit denjenigen Instinkten, die sich auch überall sonst in der postkommunistischen Welt im Zugriff jüngerer Parteikader und Geheimdienstler auf das herrenlose Staatsvermögen geltend machten. Mit einem wesentlichen Unterschied: Die oligarchische Macht- und Wirtschaftselite blieb und bleibt, anders als in Russland, noch immer über die eiserne Klammer der Kommunistischen Partei zentralistisch eingebunden. Über das System nomenklaturistischer Ernennungen, über die staatlichen Planvorgaben, die daran geknüpften Kreditvergaben der staatlichen Banken und die stets notwendigen Genehmigungen vermochte und vermag die Partei jederzeit ihre diktatorische Kontrolle auszuüben, nicht nur über die monopolitischen Staatsbetriebe, die noch immer 30 Prozent der Wirtschaftsleistung erbringen, sondern auch über die neuen, international operierenden Konglomerate und die superreichen Privatunternehmer, die so etwas wie Konzessionäre sind und großteils selbst der Partei angehören oder im Volkskongress sitzen.

Insgesamt wurde so ein hybrides System vollkommen neuen Typs geschaffen, in dem die kapitalistischen Prinzipien des Wirtschaftens und Dynamiken des Akkumulierens sich fast ungehindert und exzessiv entfalten können, während die Partei nach leninistischem Rezept die „Kommandohöhen“ des Staates wie der Wirtschaft eisern besetzt hält und sich in nahezu jeder gesellschaftlichen Funktion und Entscheidung das letzte Wort und zumindest ein Vetorecht vorbehält. Dabei steht sie selbst laut Verfassung über der Verfassung, also auch über dem Staat und somit auch außerhalb des Rechts, mittels dessen sie die übrige Gesellschaft streng reguliert und beherrscht, notfalls, indem sie „die Gewehre kommandiert“.

„Das höchste Ideal und das endgültige Ziel der Partei ist die Verwirklichung des Kommunismus“, heißt es im ersten Absatz des „Statuts der Kommunistischen Partei Chinas“, das in bezeichnender Koinzidenz auch ihr Parteiprogramm ist. Alle Mitglieder haben beim Eintritt das Gelübde abzulegen, ihre „Kraft ihr ganzes Leben lang“ diesem höchsten Ziel zu widmen, das allerdings nirgends näher definiert wird. Die Verkörperung des „Kommunismus“, ein lateinischer Begriff, der in chinesischer Umschreibung (gangchanzhuyi) so etwas wie „Die gemeinsame Wiedergeburt der Herrschaft der Gerechtigkeit“ bedeutet, ist in vollendeter Selbstreferentialität die Partei selbst. „Der Glaube an den Marxismus und Kommunismus ist das Herzblut und die Seele der Kommunisten“, hat Xi Jinping auf einer nationalen Konferenz zur Propaganda- und Ideologiearbeit im August 2013 ausgeführt. Diese „Ideale und Überzeugungen“ seien „das geistige ‚Kalzium’ für die Kommunisten“, und damit für die Nation im Ganzen, die andernfalls an „Rachitis“ leiden werde, in Form „wirtschaftlicher Gier, moralischem Verfall und korruptem Leben“. Partei, Staat und Nation bilden also einen physischen Gesamtkörper, den es intakt und gesund zu halten gilt.

Dabei, so Xi in einer nur scheinbar abrupten Wendung, bilde „die hervorragende traditionelle Kultur Chinas [...] unsere substanziellste Soft Power“, nach Innen wie im internationalen Maßstab. Nicht erst mit dieser Rede ist in aller Form, und sogar im Superlativ, bestätigt, was konservative Enthusiasten einer überlegenen chinesischen „Supraplanung“ wie der Schweizer Jurist und Sinologe Harro von Senger westlichen Managern und Auditorien unermüdlich erklären: dass China seit Alters her über eine Vision der „Großen Gemeinschaft“ (Da Tong) verfüge, die mit dem modernen Ziel des „Kommunismus“ identisch sei. Diesem Ziel habe die Volksrepublik China, geführt von der Kommunistischen Partei, durch alle Irrungen und Wirrungen hindurch stets zugestrebt, einer Vision folgend, die – anders als die hektischen Länder des Westens – in großen Zeiträumen denke.

Seit dem Machtantritt Xi Jinpings im November 2012 ist es vollends unübersehbar geworden, dass die Kommunistische Partei Chinas sich von allen Vorstellungen einer Lockerung ihres physischen und geistigen Zugriffs verabschiedet und stattdessen auf den Pfad einer weiteren, offensiven Reideologisierung begeben hat, die den nächsten, überfälligen und schmerzhaften sozialökonomischen Anpassungen abermals die Aura einer überlegenen Weisheit und wissenschaftlichen Unanfechtbarkeit verleihen sollen. So hat Xi den bisherigen Regierungsdevisen (eine alte kaiserliche Tradition bei jedem Dynastiewechsel) und den jeweils dazugehörigen theoretischen Formeln (eine neuere Parteitradition) sofort eigene hinzugefügt, so die Losung vom „Chinesischen Traum“ und die Formel von den „Vier Umfassenden“, sprich: einem wissenschaftlichen Konzept der „umfassenden“ gesellschaftlichen Weiterentwicklung – die auf dem kommenden, am 18. Oktober 2017 beginnenden Parteitag in das Programm aufgenommen werden, so wie die entsprechenden Losungen und Doktrinen seiner Vorgänger auch.

Ob diese Ideologeme irgendwelche persönlichen Überzeugungen ausdrücken, ist möglicherweise eine müßige Frage. Es sind rituelle Sprechakte, die ähnlich wie das alte konfuzianische Prüfungswissen der kaiserlichen Beamten durch stetes Repetieren auch ihr Denken prägen. Und indem das Funktionärskorps nach den Regularien eines modernen „Kadermanagements“ jährlichen „Evaluationen“ unterzogen wird – während die bewährten Praktiken kommunistischer Kritik-und-Selbstkritik reaktiviert und bei Anklagen wegen Korruption durch öffentliche, ausschnittsweise im Fernsehen übertragene Reuebekundungen ergänzt werden –, kann man von einer wirkungsvollen Methode der mentalen Steuerung ausgehen, wie sie von jeher der eigentliche Sinn der maoistischen „Gedankenreform“ gewesen ist. Nun aber könnte sich zeigen, dass diese sich womöglich viel problemloser mit Techniken kapitalistischer Unternehmensführung und Motivationssteigerung verbinden lässt, als man es dem demokratischen Ideal mündiger Bürgerschaft und Aufgeklärtheit folgend gerne annehmen möchte. Das aber wäre dann der späte Triumph des „Kommunismus“ im realexistierenden Kapitalismus.

Der Beitrag basiert auf „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“, dem jüngsten Buch des Autors, das soeben im Verlag C.H. Beck erschienen ist.

(aus: »Blätter« 10/2017, Seite 79-90)
Themen: Geschichte, Asien und Russland

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