Russland: Idealisiertes Gestern, verlorenes Morgen | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Russland: Idealisiertes Gestern, verlorenes Morgen

<span class="fcredit">Foto: <a href="https://www.suhrkamp.de/buecher/die_zukunft_ist_geschichte-masha_gessen_42842.html" target="_blank">Suhrkamp</a></span> Foto: Suhrkamp

von Achim Engelberg

Für ihr neues Buch wird die russisch-amerikanische Schriftstellerin Masha Gessen international gefeiert. In den USA gewann sie den National Book Award, auf der kommenden Leipziger Buchmesse erhält sie im März den Preis für europäische Verständigung. In Russland aber ist sie eine Persona non grata – jedenfalls für die offiziellen Institutionen.

In „Die Zukunft ist Geschichte“ beleuchtet Gessen in sieben Lebensläufen die sowjetischen Traumata des 20. Jahrhunderts. Vier ihrer Protagonisten sind Anfang bis Mitte der 1980er Jahre geboren, so wie Shanna, die Tochter des 2015 vor dem Kreml ermordeten Politikers Boris Nemtzow, der lange als Kronprinz von Boris Jelzin galt. Als Kinder erfuhren sie die Revolution von oben unter Michail Gorbatschow, die mit der Auflösung des Vielvölkerstaats endete. Als Jugendliche erlebten sie die prägenden 1990er Jahre, das „umstrittenste Jahrzehnt der russischen Geschichte“ (Gessen), das in den scheinbar gefestigten Oligarchen-Kapitalismus unter Putin mündete – eine neue bleierne Zeit.

Die drei anderen Protagonisten sind nicht nur älter, sondern auch analytischer: der bekannte Soziologe Lew Gudkow, der das letzte freie Meinungsforschungsinstitut in Russland leitet, die Psychoanalytikerin Marina Arutjunjan, die die russischen Traumata untersucht, und der extreme Philosoph Alexander Dugin. In der Moskauer Szene der 1980er Jahre war er eine feste Größe. Als Gorbatschow 1985 die Perestroika verkündete, sah er schon das Ende der Sowjetunion voraus. Mittlerweile ist er ein antiwestlicher Aktivist, der nach dem 11. September 2001 proklamierte, die Demokratie habe „ihre grundlegende strategische Funktion verloren“. Liberalismus könne, so Dugin, „auch einfach nur für Freihandel stehen, für Marktmechanismen, die bekanntlich auch unter den härtesten autoritären Regimen sehr gut funktionieren können, selbst unter fast totalitären“. Diese Geschichten montiert Gessen so kunstvoll wie erhellend, wodurch sie eine große Wucht entfalten. Die Autorin erreicht so ihr selbst gestecktes Ziel, einen „umfangreichen faktografischen russischen Roman“ zu schreiben, „der sowohl die individuellen Tragödien darstellen soll als auch die Ereignisse und Ideen, die sie geprägt haben“.

Dramaturgisch geschickt verzahnt sie diese Biografien mit einer abstrakten Analyse über das Scheitern des russischen Aufbruchs. Diese überzeugt allerdings nicht völlig, vor allem, weil Gessen von „Totalitarismus“ spricht. Bekanntlich prägte Hannah Arendt diesen Begriff, um die Nazidiktatur und die stalinistische Sowjetunion zu vergleichen. Für sie endete die totalitäre Phase bereits 1956. Und trotz gravierender Menschenrechtsverletzungen im heutigen Russland und Angriffen auf Nachbarstaaten geht die Gleichsetzung mit den Diktaturen von Stalin und Hitler fehl: Ein erweiterter Totalitarismusbegriff, der das kleptokratische Regime Putins einschließt, wird nichtssagend.

Möglicherweise ist diese Zuspitzung familiengeschichtlich zu erklären. Bereits im ersten Abschnitt des Prologs berichtet die 1967 geborene Masha Gessen, wie ihre Mutter Ende der 1970er Jahre in Moskau das sowjetische Regime mit der Hitler-Diktatur verglich und die Familie 1981 in die USA emigrierte. Russland ließ die Gessens aber nicht los, so dass sie 1994 zurückkehrten. Wegen der homophoben Gesetzgebung, aber auch angesichts der immer größeren geistigen Enge in Wladimir Putins Reich siedelte Masha Gessen schließlich 2013 mit ihrer Frau und ihren Kindern nach New York über.

Richtig ist allerdings, dass gewisse Kontinuitäten zwischen der Sowjetunion und dem heutigen Russland bestehen. Denn im Gegensatz zu anderen postsowjetischen Staaten oder den Nationen des Ostblocks konnte Russland viele Hinterlassenschaften nicht einfach als Taten einer Besatzungsmacht von sich abspalten. Von Georgien bis Kasachstan gibt es „Museen der russischen Okkupation“, die das Geschehene extrem vereinfachen und es mühelos ausgliedern – was in Russland schlicht nicht möglich ist: „Die sowjetischen Institutionen waren nach 1991 zu russischen Institutionen geworden, und die russische Bürokratie begann schon bald, viele der sowjetischen Staatsgeheimnisse wie ihre eigenen zu hüten.“ Dennoch warnt Masha Gessen vor Kurzschlüssen und zitiert zustimmend die Politologin Jekaterina Schulman: „Dass die demokratische Fassade aus Pappmaché besteht, fällt schnell auf. Schwieriger ist es, zu begreifen, dass auch der Stalin-Schnauzbart nur angeklebt ist.“

Um dies näher zu beleuchten, wäre eine Durchdringung des Wechselspiels der russischen Innen- und Außenpolitik wünschenswert gewesen. Wenig erfährt man bei Masha Gessen von der Machtergreifung der Oligarchen, von denen viele aus der jungen Generation der kommunistischen Kader stammten. Sie vermittelt dies allenfalls indirekt erzählerisch, wenn sie beiläufig erwähnt, dass dieser Oppositionelle mit jenem Oligarchen zusammenarbeitet und von ihm einen Vorteil erhielt. Denn nicht nur Putin, sondern auch seine Gegenspieler sind oligarchisch durchsetzt. Haben wir es in Russland also mit einem Oligarchen-Kapitalismus zu tun? Hier müsste eine Analyse ansetzen.

Ähnliches gilt für das Verhältnis zu den USA. Hier benennt Gessen zwar die russischen Neidgefühle, aber nicht die amerikanischen strategischen Interessen. Über die russische Seite heißt es, deren Einstellung „gegenüber Amerika war ein mustergültiger Art des Doppeldenk: Es erschien zugleich attraktiv und bedrohlich, zugleich nachahmens- und überaus hassenswert.“ Obwohl der scharfsinnige polnischstämmige US-Stratege Zbigniew Brzesinski im Buch auftaucht, fehlt gerade sein programmatisches Standardwerk „Die einzige Weltmacht“. Dort schreibt er, Amerikas globale Hegemonie hängedavon ab, „wie lange und wie effektiv es sich in Eurasien behaupten kann“. Die verschiedenen Staaten von Portugal bis Russland, von Großbritannien bis China vermöchten keine politische Einheit zu bilden und sind für ihn daher nur Figuren auf dem großen Schachbrett des Kampfes um die Vorherrschaft. Die Ukraine bildet ihm zufolge dabei den Dreh- und Angelpunkt, denn ohne dieses klassische Grenzland sei „Russland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden.“ Diesen Interessenkonflikt blendet Masha Gessen aus, obwohl er eine entscheidende Grundlage von Putins reaktionärer Politik ist.

So kann man Gessens Titel „Die Zukunft ist Geschichte“ doppelt deuten: Da der Aufbruch der 1980er Jahre in einer Sackgasse endete, wird einerseits eine Vergangenheit beschworen, die es so nicht gab, um angesichts einer verlorenen guten Zukunft zu schweigen. Dabei wird der Große Vaterländische Krieg, wie in Russland der Zweite Weltkrieg heißt, idealisiert. Er wird zum Mythos, der mit zeitlichem Abstand sogar wächst: „Was Gudkow sich noch nicht vorstellen konnte, waren junge Leute wie Ljoscha, die im ersten Jahr der Perestroika geboren wurden und sich ganz und gar mit einem Krieg identifizierten, der vierzig Jahre vor ihrer Geburt zu Ende gegangen war“, heißt es im Buch.

Dieser Prozess begann schon mit Boris Jelzin, der alle Gegensätze nach dem sowjetischen Desaster sofort versöhnen wollte. Damit aber wurden jene drei Bedingungen der Heilung nach einer Katastrophe negiert, die der Kulturwissenschaftler Alexander Etkind idealtypisch aufgestellt hat: Erkenntnis, Trauer und Gerechtigkeit. Wladimir Putin wiederum – für Gessen eine „fleischgewordene Vereinigung von Charisma und Bürokratie“ – entwickelte eine Herrschaft, die auf fünf Säulen steht: „Die Nation, die Vergangenheit, traditionelle Werte, eine Bedrohung von außen und eine fünfte Kolonne.“ Bei der Annexion der Krim erreichte diese Ideologie ihren bisherigen Höhepunkt: Der heroisierte Krieg von gestern stützt die realen Aggressionen von heute.

„Die Zukunft ist Geschichte“ könnte andererseits aber auch wider den Strich gelesen werden, einen Ausweg zu suchen und unterbrochene Traditionen wieder aufzunehmen – radikal-demokratische, bürgerliche und selbst sozialistische. Auch das zeigt Masha Gessens lesenswertes Buch.

Masha Gessen, Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor. Aus dem Englischen von Anselm Bühling. Berlin, Suhrkamp 2018, 639 S., 26 Euro.

(aus: »Blätter« 2/2019, Seite 121-123)
Themen: Russland, Geschichte und Kultur

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