Ausgabe April 1990

Ein Volk statt Das Volk

Hintergründe einer semantischen Korrektur

Ein Mensch, der in diesen Wochen und Monaten nicht von den Emotionen mitgerissen wird, die die BRD aufwühlen, sondern sich auf gelassene Beobachtung beschränken wollte, müßte in Kopfschütteln geraten ob der Widersprüche, die sich da auftun.

Auf der einen Seite eine sich überstürzende Eile bei der Vereinigung mit Menschen, die bisher einem anderen und gar nicht so geschätzten Staat angehörten.

Auf der anderen Seite eine ebenso überstürzte Hast, bestimmte andere Menschen zurückzuweisen oder abzustoßen, selbst wenn sie schon Jahrzehnte im eigenen Staat leben. Da begrüßt man diejenigen emphatisch, die den Eisernen Vorhang in Ungarn durchbrechen, die Zäune um die Botschaft in Prag übersteigen. Gleichzeitig aber veranstaltet man fast lustvoll Menschenjagden auf andere, die den um die BRD errichteten Kordon durchbrochen haben. Da umjubelt man das Niederlegen von Drahtverhauen in Ungarn, die Beseitigung der Mauer in Berlin. Gleichzeitig aber können die Mauern und Zäune nicht dicht genug sein, die im Inland um die Lager der sogenannten Asylanten gezogen werden. Da geniert man sich nicht, die einen in Turnhallen, in Container und Wohnschiffe zu pferchen.

April 1990

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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