Ausgabe April 1990

Ein Volk statt Das Volk

Hintergründe einer semantischen Korrektur

Ein Mensch, der in diesen Wochen und Monaten nicht von den Emotionen mitgerissen wird, die die BRD aufwühlen, sondern sich auf gelassene Beobachtung beschränken wollte, müßte in Kopfschütteln geraten ob der Widersprüche, die sich da auftun.

Auf der einen Seite eine sich überstürzende Eile bei der Vereinigung mit Menschen, die bisher einem anderen und gar nicht so geschätzten Staat angehörten.

Auf der anderen Seite eine ebenso überstürzte Hast, bestimmte andere Menschen zurückzuweisen oder abzustoßen, selbst wenn sie schon Jahrzehnte im eigenen Staat leben. Da begrüßt man diejenigen emphatisch, die den Eisernen Vorhang in Ungarn durchbrechen, die Zäune um die Botschaft in Prag übersteigen. Gleichzeitig aber veranstaltet man fast lustvoll Menschenjagden auf andere, die den um die BRD errichteten Kordon durchbrochen haben. Da umjubelt man das Niederlegen von Drahtverhauen in Ungarn, die Beseitigung der Mauer in Berlin. Gleichzeitig aber können die Mauern und Zäune nicht dicht genug sein, die im Inland um die Lager der sogenannten Asylanten gezogen werden. Da geniert man sich nicht, die einen in Turnhallen, in Container und Wohnschiffe zu pferchen.

April 1990

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