Ausgabe April 1990

Frauen überschreiten Grenzen

Aufruf von Frauen gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit (Wortlaut)

Wir, Frauen aus wichtigen gesellschaftlichen Gruppierungen, parlamentarischen Parteien, dem kirchlichen Bereich, den Gewerkschaften und anderen Institutionen, wir Frauen sind in Sorge. Wir sehen, daß viele Menschen sich von überstürzenden Entwicklungen überfordert fühlen. Nationen, Staaten, Gesellschaftssysteme sind im Umbruch. Europa ist in Bewegung. Zunehmende Bevölkerungswanderungen von Osten nach Westen und Süden nach Norden verunsichern die Menschen zusätzlich. Dies trifft auf eine wachsende und sich beschleunigende Unübersichtlichkeit technischer und gesellschaftlicher Prozesse. Die Vertrautheit bekannter Umwelt und gesicherter Tradition schwindet. Angst vor der Zukunft, Irritationen und emotionale Abwehr sind bei vielen die Folge. Wir nehmen dies ernst und wollen, daß sich politische Vernunft und nicht Rattenfängermentalität in unserem Land durchsetzt.

Wir Frauen wissen um die Gefahren, die aus Haß, nationaler Überheblichkeit, Neid und Rassismus für den inneren und äußeren Frieden erwachsen. Darum wenden wir uns gegen Parteien und Tendenzen in der Gesellschaft, die Rassenhaß, Antisemitismus und gewissenlos menschenverachtende Fremdenfeindlichkeit schüren. Die einmalige Chance, in überschaubaren Schritten zum Weltfrieden zu gelangen, darf nicht zerstört werden. Wir sind davon überzeugt, daß die Zukunftsaufgaben lösbar sind: nicht in Hektik und Schwarzmalerei, sondern in überlegter Ruhe, nicht in übersteigertem Nationalismus, sondern im Einvernehmen mit unseren Freunden und Partnern diesseits und jenseits der Grenzen.

Wir Frauen haben uns daher über parteipolitische, ideologische, weltanschanliche und konfessionelle Grenzen hinweg zusammen gefunden, um aus unserer Sicht zur Lösung der Zukunftsfragen beizutragen.  Wir wollen unsere Lebenserfahrungen, unsere Gedanken und Phantasie in Staat und Gesellschaft einbringen. Dabei setzen wir uns dafür ein, daß Menschlichkeit unverzichtbares Gebot freiheitlicher Politik bleibt. Die Freiheit, die wir im Westen haben und die die Menschen im Osten mit großem Einsatz erkämpften, bedeutet auch Mitverantwortung. Gerade in Zeiten des Umbruchs sind Besonnenheit, Umsicht und Vernunft erforderlich, um den Frieden zu bewahren und zu sichern. Respekt und Toleranz sind zwingende Voraussetzungen, um mit Menschen aus vielen Ländern und Kulturen zusammen leben zu können. Positive Erfahrungen von der Stadtteilarbeit über Städtepartnerschaften, der Europäischen Gemeinschaft, bis zu internationalen Staatsverträgen, machen Mut und fördern Verständnis wie Zusammenwachsen der europäischen Völker und erhöhen die Sensibilität für die Menschen der dritten Welt.

Frieden zwischen den Völkern setzt sozialen Frieden im eigenen Land voraus. Wir wollen - eine Gesellschaft mit kultureller Vielfalt; - einen selbstverständlichen toleranten Umgang mit Menschen, die andere Verhaltensweisen, andere kulturelle Herkunft haben. Wir wollen - daß Erfahrungen anderer Menschen und Völker in unserem Leben Raum finden dürfen; - daß Solidarität und Bereitschaft zur sozialen Gerechtigkeit zur Grundlage politischen und privaten Handelns werden.

Wir wollen - Kindern, älteren Menschen, Behinderten, sozial Schwachen und unterdrückten Völkern nicht erst dann helfen, wenn wir ihnen unsere Vorstellungen aufgenötigt haben. Wir Frauen wenden uns daher an alle Bürgerinnen und Bürger, an die Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, sozialen Bewegungen, Wohlfahrtsverbände, Kulturschaffenden, die Wirtschaft und an die Medien. Helfen Sie mit. Schließen Sie sich unserem Aufruf an. Tun Sie in Ihrem Bereich und nach Ihren Kräften alles gegen das Anwachsen und die Duldung von Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit in unserem Land.

Dr. Ursula Engelen-Kefer, Liselotte Funcke, Dr. Hildegard HammBrücher, Karin Hempel-Soos, Irmgard Karwatzki, Dr. Anneliese Lissner, Prof. Brigitta Naumann, Prof. Dr. Heide Pfarr, Prof. Eleonore von Rotenhan, Eva Rühmkorf, Waltraud Schoppe, Carola Stern, Prof. Dr. Rita Süssmuth, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Dr. Beate Winkler, Dr. Monika Wulf-Mathies, Hildegard Zumach. Aktion "Frauen überschreiten Grenzen", Postfach 30 03 52, 5300 Bonn 3.

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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