Ausgabe April 1990

Halbe Neutralität und doppelte Sicherheit

Die offensichtlich unaufhaltsame baldige Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bringt eine sicherheitspolitische Zwickmühle mit sich, aus der kein leichtes Entkommen möglich scheint.

Zwar nehmen die Optionen mit der Offenheit der Situation zu, von vornherein auszuschließen ist wohl allein noch die Variante, daß die Bundesrepublik sich dem Warschauer Pakt anschließen könnte.

Aber der Handlungsbedarf wächst noch rascher. Eine Situation, in der eine Wirtschafts- und Politikunion sich durch Druck von unten von selbst Bahn bricht, ist schon auf sehr kurze Sicht nicht mehr kompatibel mit zwei sich gegenüberstehenden deutschen Armeen, die gegnerischen Bündnissen angehören. Daß sich bereits Offiziere der Nationalen Volksarmee bei der Bundeswehr bewerben, ist sicherer Vorbote demnächst zu erwartender Auflösungs- und Vereinigungswünsche auch hier. Die NATO selbst scheint einsichtig genug, nicht ihre Ausdehnung auf das Gebiet der DDR zu befürworten. Allzu deutlich blieben dabei die legitimen Sicherheitsinteressen der UdSSR unberücksichtigt. Sie verlöre nicht nur den privilegierten Status einer Siegermacht des Zweiten Weltkriegs und ihr vorgeschobenes Stationierungsgebiet eigener Truppen. Gefährdet wäre darüber hinaus die ganze Architektur ihres militärischen Cordons sanitaire.

April 1990

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Rechte Gewalt, leere Kassen: Ostdeutsche Zivilgesellschaft unter Druck

von Elisa Pfleger

In der Bundespolitik ist das Entsetzen über den Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl noch immer groß. In allen ostdeutschen Flächenländern und in 43 von 48 Wahlkreisen wurde die in weiten Teilen rechtsextreme Partei stärkste Kraft, in Görlitz und im Kreis Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge erhielt sie beinahe 50 Prozent der Stimmen.