Ausgabe Dezember 1990

Selbstaufgabe der Zivilgesellschaft

Linksintellektueller Fremdenhass in der neuen Bundesrepublik?

Die "Einheit" überdauern "Spaltungen" - in der Gesellschaft und in den Köpfen. Thomas Schmid ("Blätter", 10/1990) und Jörg Gutberger/Frank Lübberding (ebd., 11/1990) haben ihre westdeutschen Selbst- und Fremdwahrnehmungen zum Einigungsprozeß zu Papier gebracht.  Nun antworten zwei Ost-Berliner Autoren. - Eine Konfrontation unterschiedlicher Erfahrungen und Standpunkte, die auszutragen eine unverzichtbare Voraussetzung künftiger Verständigung ist. D. Red.

 

I

Fremdenhaß resultiert aus konkreten Konflikten. Sehen sich Menschen in ihrem gewohnten Lebensmilieu ebenso plötzlich wie massiv mit unbekannten Denk- und Verhaltensweisen Fremder konfrontiert, erzeugt dies Unbehagen, Verunsicherungen und Ängste. Sie fühlen sich persönlich bedroht und ihre bisherige Lebenswelt gefährdet, entwickeln den Neuankömmlingen gegenüber emotionale Reservehaltungen, begegnen ihnen mit unverhülltem Mißtrauen und ziehen sich unter dem Druck der alltäglichen Verhaltenszumutungen auf Überlegenheitsgefühle zurück. Das Fremde wird als Feindliches, der Fremde als Feind identifiziert. Fremdenhaß legitimiert sich über abstrakte Ideale. Die durch die Fremden hervorgerufene permanente Störung der traditionellen Gefühls- und Alltagswelt der Menschen erzeugt bei diesen Orientierungsnöte.

Dezember 1990

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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