Ausgabe Mai 1990

Ideologieleere, aufgefüllt mit Hass

Ausländerfeindlichkeit in der DDR

Den anderen Völkern sind wir vor allem Fremde, für die sie Stereotype wie ordentlich, pünktlich, diszipliniert, sauber, autoritär und familienorientiert bereithalten. Gastfreundschaft, Humor und Genußfähigkeit gelten nicht gerade als deutsche Grundeigenschaften. In der Mitte Europas tut man sich schwer mit unüblichen Gewohnheiten, zu denen vieles gehört, was fremden Völkern selbstverständlich ist. Erklärungen für einen latenten Fremdenhaß gibt es in aller Welt wie das Phänomen auch.

I

Die zurückliegende Weltabgeschiedenheit der DDR ist vermutlich nur ein Teil des Ganzen, doch nicht deckungsgleich mit der Vielfalt subjektiver Reaktionen auf die Ausländerfrage insgesamt. Zwischen tätiger Solidarität im Falle Nicaragua und Rumänien und rassistischen Vorverurteilungen kubanischer Arbeiter können die Übergänge fließend sein. Nationalismus ist ins Alltagsbewußtsein als Witz und Zote eingedrungen, ohne daß seine Rezipienten sich zwangsläufig als Chauvinisten verstehen. Unwissenheit über die eigene mentale Lage und tradierte Vorurteile gegenüber der Fremde und ihren nationalen und ethnischen Spezifika vermengen sich schnell zu nationaler Arroganz. Die Neugierde aufs Unbekannte wird wie selbstverständlich durch jenen sonderbaren Dünkel begrenzt, der sich zur Norm made in GDR gemausert hat.

Mai 1990

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Höcke in der Mitte

von Jan Kursko

Was war das wieder für ein Schauspiel, am Tag nach der Thüringen-Wahl: Befragt nach seiner skandalösen Rede vom Januar 2017, in der Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert hatte, gab sich der Vorreiter des rechtsradikalen Flügels schwer zerk