Ausgabe Oktober 1991

Die EG - ein Anachronismus?

Macht die neue Freiheit in Europa die Europäische Gemeinschaft zu einem Anachronismus? Die Tochter des Kalten Krieges und der Spaltung Deutschlands wollte den Frieden zwischen den Staaten im westlichen Teil Europas durch ihre immer engere Verflechtung in einer supranationalen Organisation dauerhaft machen. Heute ist die ideologische und politische Spaltung Deutschland und ganz Europas überwunden, der Ost-West-Konflikt beendet, und mit Haß und Blut gedüngt wachsen neue Nationalismen aus den Trümmern der kommunistischen Diktaturen im Osten und Südosten des Kontinents. Die "anachronistische" EG ist die Hoffnung des neuen Europa.

 

Österreich und Schweden wollen und werden der Gemeinschaft in wenigen Jahren angehören. Finnland und sogar die Schweiz wenden sich der EG zu. Ungarn, Polen und die CSFR werden Ende 1991 vertraglich mit der EG assoziiert sein, und wenig später werden sie die Beitrittsanträge aus den Schubladen holen. Bulgarien und Rumänien warten darauf, daß die EG-Kommission grünes Licht für die Aufnahme von Assoziierungsverhandlungen erhält. Slowenien und Kroatien erwarten nicht nur politische und ökonomische Hilfe, sondern die Einbindung in eine europäische Struktur. Den baltischen Staaten macht der deutsche Außenminister, und nicht nur er, Hoffnung auf eine baldige Assoziierung mit der EG.

Oktober 1991

Sie haben etwa 21% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 79% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Europa

Ukraine: Zwischen Korruption und Diktatfrieden

von Yelizaveta Landenberger

Anfang Dezember herrschte rege Pendeldiplomatie, während die Bombardierung ukrainischer Städte und die russischen Vorstöße an der Front unvermindert weitergingen. Völlig unklar ist, ob der im November bekannt gewordene US-»Friedensplan« auch nur zu einem Waffenstillstand führen kann.

Vom Einsturz zum Aufbruch: Die Protestbewegung in Serbien

von Krsto Lazarević

Rund 110 000 Menschen füllen am 1. November die Fläche vor dem Hauptbahnhof in Novi Sad, um der Opfer zu gedenken, die ein Jahr zuvor unter dem einstürzenden Vordach starben. Für die seit Monaten Protestierenden steht der Einsturz nicht für ein bauliches, sondern für ein politisches und gesellschaftliches Versagen: ein sichtbares Symbol für Korruption und ein zunehmend autokratisches System.

Der Kampf um Grönland: Versöhnung als Geopolitik

von Ebbe Volquardsen

Die Stadt Karlsruhe könnte schon bald vor einem Dilemma stehen. Im Januar 2025 zeichnete sie ihren langjährigen Stadtvertreter Tom Høyem (FDP) mit der Ehrenmedaille aus. In den 1980er Jahren war der gebürtige Däne, mittlerweile auch deutscher Staatsbürger, Dänemarks letzter Minister für Grönland – ein Amt aus der Kolonialzeit.