Ausgabe Juni 1993

Die Ostverschiebung der Asylfrage

In Ebersbach, einem kleinen Ort an der deutsch-tschechischen Grenze, wollen die Bürger und Bürgerinnen jetzt einen Zaun. Einen Zaun, der ihre Häuser gegen Einbrecher schützen soll, die die offene Grenze auf ihre Art zum Ausgleich des Wohlstandsgefälles nutzen 1). Neue Abgrenzungen zwischen Ost und West: Den Bürgermeistern, Landtags- und Bundestagsabgeordneten vor Ort ist dieses Thema unangenehm: Einerseits wird ihnen auf Bürgerversammlungen die Hölle heiß gemacht, andererseits wollen sie die gutnachbarlichen Beziehungen, die mit den Gemeinden auf der anderen Seite der Grenze seit dem Fall der Mauer entstanden sind, nicht gefährden und nicht als diejenigen dastehen, die nach neuen Mauern in Europa rufen. In Bonn ziert man sich indessen nicht so.

Die Zeichen der Zeit wurden nach dem Zusammenbruch des Systems in Osteuropa schnell erkannt: Ost-Flüchtlinge, die vor der Wende als Kronzeugen gegen den Sozialismus hier gute Chancen auf Anerkennung als Asylberechtigte hatten, wurden zu illegalen Einwanderern umdefiniert, zu Drogenhändlern und Kriminellen. Diejenigen, die früher Fluchthelfer hießen, müssen sich heute als "Schlepperbanden" beschimpfen lassen. Das Thema "Asyl" wurde zum politischen Problem Nummer Eins ernannt, seine Bewältigung zu einer Art Rettung vor der Katastrophe.

Juni 1993

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fossilistischer Kolonialismus

von Friederike Otto

Die Erderhitzung vernichtet schon heute weltweit die Lebensgrundlagen vieler Menschen – allen voran jener, die ohnehin benachteiligt sind. Wir müssen die Klimakrise auch als Gerechtigkeitskrise begreifen – und die ihr zugrundeliegenden Machtstrukturen transformieren.