Ausgabe November 1993

Dürfen Deutsche Patrioten sein?

I

Bei den Begräbnisfeierlichkeiten und Demonstrationen zu Ehren der von ausländerfeindlichen Jugendlichen in Mölln und Solingen getöteten Mädchen und Frauen trugen nicht wenige junge Türken, längst in Deutschland geboren, die rote Flagge mit Halbmond und Stern. In ihrer Verzweiflung besannen sie sich auf das wenige an Selbstverständnis, das ihnen gewiß schien - ihre türkische Staatsangehörigkeit. Wenn in den USA ethnische Minderheiten, seien es Juden, Schwarze, Latinos oder Iren, mit ihren Belangen auf die Straße gehen, tragen auch sie oftmals Flaggen der Herkunftsländer ihrer Eltern mit sich. Undenkbar aber wäre es in den USA, daß im Zentrum des Aufmarsches, an seiner Spitze nicht die Fahne mit den zweiundfünfzig weißen Sternen auf blauem Grund, das "star spangled banner", vorangetragen würde. That all men are equal, born free - diese Verheißung der schon im 18. Jahrhundert im Geiste der Aufklärung geschriebenen amerikanischen Verfassung wird im Zweifelsfall auch noch vom ärmsten Einwanderer aufgenommen, eine Verheißung, für die die US-amerikanische Flagge steht. Nichts Ähnliches läßt sich demgegenüber mit der deutschen Flagge, mit Schwarz-Rot-Gold verbinden.

November 1993

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Rassismus

Chile: Leere Versprechen für die Indigenen?

von Malte Seiwerth

Am 1. Juni hielt der chilenische Präsident Gabriel Boric zum letzten Mal seine jährliche Rede vor den beiden Parlamentskammern des südamerikanischen Landes, eine Tradition, die seit 1833 gepflegt wird. Nach dreieinhalb Jahren im Amt wirkte seine Rede bereits wie ein Abschied.