Ausgabe Oktober 1993

Balkan: Anerkennung der neuen Realitäten?

I

Hinsichtlich der Kriege im ehemaligen Jugoslawien und schon gar der Zukunft des Balkans stellen sich derzeit mehr Fragen, als Antworten bzw. verläßliche Prognosen gegeben werden können. Ein überwältigender militärischer Sieg der einen oder anderen Kriegspartei ist relativ unwahrscheinlich, und deshalb ist nicht zu erwarten, daß sich aus den militärischen Auseinandersetzungen eine klare Hegemonialstruktur, die für den gesamten Balkan von Bedeutung sein könnte, herausbilden wird. Wahrscheinlicher ist eine militärische Pattsituation zwischen Serben und Kroaten, die sich möglicherweise in eine politische Gleichgewichtslage übersetzen wird. Vielleicht wird der Konflikt einfach noch lange dahinschwelen: Er würde dann in der Tendenz jenem Konflikttypus sich annähern, der in der wissenschaftlichen Literatur als "protracted conflict" bezeichnet wird, also als langanhaltender und in absehbarer Zeit nicht zu lösender Konflikt. Im Hinblick auf die letzte Variante wird vielfach auf Ermüdungserscheinungen und die schließliche Erschöpfung der Kriegsparteien gehofft. Der Verlust an Kampfmotivation, sich anbahnende ökonomische Desaster sowie der Zusammenbruch der "Heimatfronten" werden als hilfreich für eine beschleunigte Erosion des Kriegsgeschehens genannt. Die Zeitperspektive bleibt dabei meist offen.

Oktober 1993

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.

»10-Millionen-Schweiz«: Mauern gegen die Polykrise

von Cédric Wermuth

Am 14. Juni stimmt die Schweiz per Referendum über eine Initiative ab, die europaweit Schule machen könnte. Unter dem Titel »Keine 10-Millionen-Schweiz« verlangt die rechtsnationalistische Schweizerische Volkspartei die Einführung eines Bevölkerungsdeckels in der Verfassung.