Ausgabe Oktober 1994

Nichtwählers Wahl

Bürgerabgeordnete als Alternative?

Die deutschen Politiker der traditionellen Mitte tragen zunehmend schwer an ihrem Bundesvolk. Zuerst waren es die Stammanhänger, die die sicher geglaubten Erbhöfe verließen, sich lossagten von Milieufestschreibung und Familientradition, um als Wechselwähler je nach Saisonangebot ihre Stimme zu vergeben.

Dann gab es in den 80er Jahren spektakuläre Denkzettel von Protestwählern, die sich nicht mehr vertreten sahen von den etablierten Wahlvereinen und anrüchige Listen ankreuzten. Und schließlich begannen sich die Bürger gegen Ende dieser Dekade von dem ganzen Verfahren selbst verstärkt abzusetzen; die Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik nahm empfindlich ab. Die "Partei der Nichtwähler" 1), wie sie gerne genannt wird, ist in den letzten Jahren bereits mehrfach zur numerisch stärksten Gruppe geworden und schlug im Juni 1994 in der Landtagswahl von Sachsen-Anhalt zum ersten Mal gar die vereinte Vertretungsmacht der Großparteien SPD und CDU 2). Einige Politikwissenschaftler waren über sinkende Wahlbeteiligungen bisher nicht allzu alarmiert.

Für sie galt als Ziel demokratischer Verfahren weniger die fokussierte Widerspiegelung der Meinungsvielfalt der Bevölkerung in einer Abgeordnetenversammlung, sondern die Etablierung halbwegs vernünftiger Regeln zur Bestimmung der politisch dann machtausübenden Elite.

Oktober 1994

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Indonesien: Die Wut der Gen Z und ihr Kampf gegen die Eliten

von Markus Berg

Seit zwei Jahren ist Indonesiens Präsident Prabowo Subianto nun im Amt – der konservative Ex-General folgte im Oktober 2024 auf den beliebten einstigen Reformer Joko Widodo, kurz: Jokowi, der das Land zehn Jahre lang regiert hatte.

Führungsfetisch statt Bürgernähe

von Markus Linden

Der rasende Autoritäts- und Machtverlust, den die Union und der Bundeskanzler binnen nicht einmal zwei Jahren an der Regierung erlitten haben, erklärt sich nicht zuletzt durch Friedrich Merz’ Führungsstil. Merz setzt ganz auf cäsaristische Anweisung von oben.