Ausgabe April 1995

Tücken symbolischer Politik

Deutsch-tschechische Irritationen

Die alljährlichen Sudetendeutschen Tage sind trotz der obligatorischen Anwesenheit politischer Prominenz, manchmal sogar des Bundeskanzlers, für die Bundesrepublik ein Randereignis des politischen Lebens. Die übliche Bekräftigung des "Rechts der Vertriebenen auf Heimat", in der Regel aus dem Munde des bayerischen Ministerpräsidenten, und die Beteuerung des Schutzes, den die Sudetendeutschen als der "vierte bayerische Stamm" im Lande genießen, gehören zu dem seit Jahren ritualisierten Ablauf des politischen Teils dieser Tage (an dem sich auch nach 1989 wenig geändert hat). Alle sind sich - unausgesprochen einig, daß es sich um einen Akt symbolischer Politik handelt. Es ist die politische Rhetorik, die für einen Augenblick betören und manches Herz erfreuen mag, aber ohne praktische politische Konsequenz bleibt. Selbst der einfältigste Sudetendeutsche erwartet nicht, daß nach der Solidaritätsbekundung des bayerischen Ministerpräsidenten Einheiten der Bundeswehr zum Marsch auf Prag aufbrechen, um dort die Annullierung von Beneschs Dekreten zu erzwingen. Auch die Berichterstattung beschränkt sich, außer in den Vertriebenen-Zeitungen versteht sich, auf eher beiläufige Berichte ohne Kommentar. Selbst die kritische Öffentlichkeit des Landes nimmt von den Treffen der Sudetendeutschen kaum Notiz.

April 1995

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