Ausgabe Februar 1995

Grosny in Moskau

Auch und gerade angesichts der tragischen Vorgänge im Nordkaukasus gilt es, immer wieder auf den Rahmen aufmerksam zu machen, in dem sich Politik und Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur im postsowjetischen Raum bewegen. Die Sowjetunion ist in den frühen 80er Jahren in eine lange Transformationsperiode eingetreten, die sich weit über ihr Ende hinaus fortsetzt. Charakteristika des alle Bereiche erfassenden Wandels sind unter anderem die vorerst weder von innen noch von außen zu behebende Instabilität, die Schwäche von Institutionen, Normen und gesellschaftlichen Vermittlungsinstanzen, Probleme bei der Nationalstaatsbildung, die Vervielfältigung der politischen Akteure, das Interesse am (fortgesetzten) Zugriff auf Ressourcen aller Art, eine sehr enge innenpolitische Anbindung des Verhaltens nach außen.

Dies alles muß bei der Beurteilung des Tschetschenien-Konflikts berücksichtigt werden. Der Hauptgrund für das militärische Vorgehen Moskaus gegen die abtrünnige Kaukasusrepublik hatte mit der dortigen Lage wenig zu tun. Es ging (und es geht auch weiterhin) vor allem um die Positionierung von Interessengruppen - politische Lager, Wirtschaftslobbys, die persönlichen "Umgebungen" hoher Entscheidungsträger - im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen, die 1996 oder schon für das laufende Jahr bevorstehen oder vielleicht auch simuliert werden.

Februar 1995

Sie haben etwa 21% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 79% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.