Ausgabe August 1996

Neulich im Irrenhaus

Neue Folge

Nach Tucholsky ist bei jenen, die ob gewisser Dinge nicht ihren Verstand verlieren, zu vermuten, daß sie keinen haben. Betrachte ich die wirtschaftspolitische und die - erbärmlicherweise - inhaltlich fast identische sogenannte wirtschaftswissenschaftliche Mainstreamdebatte, befällt mich Verzweiflung. Bin ich der Idiot? Oder ist es möglich, was man bescheidenerweise grundsätzlich nicht annehmen sollte, daß die anderen die Irren sind, daß der konservativ-radikalliberale Zeitgeist die Häme der meisten Teilnehmer am wirtschaftspolitischen und -wissenschaftlichen Diskurs derart vernebelt hat, daß sie einfachste Zusammenhänge nicht mehr erkennen können? Man kann sich beim analytischen Zugriff auf hochkomplexe Systeme ja mal verheddern. Irren ist menschlich. Was soll man aber von Menschen halten, die auch dann noch behaupten, alle Schwäne seien weiß, wenn man ihnen gerade zuhauf schwarze gezeigt hat? Was soll man von einer liberal-konservativen Regierung halten, die ihrem an Massenarbeitslosigkeit erkrankten Patienten immer wieder und in immer höheren Dosen ihre marktradikale Medizin verschreibt (Gewinne hoch, Löhne und Sozialleistungen runter), obwohl sich dessen Gesundheitszustand bei dieser Therapie zusehends verschlechtert - und das seit eineinhalb Jahrzehnten?

Ein analog handelnder Arzt verschwände irgendwann hinter Gittern.

August 1996

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