Ausgabe Januar 1996

Sonderweg oder Normalität?

Zur Diskussion um die internationale Position der Bundesrepublik

1. "Neue Normalität" - ein Schlüsselbegriff auf dem Wege zur Berliner Republik

Seit der deutschen Einigung 1989 geistert ein Wort durch die außenpolitischen Debatten unseres Landes: das Wort von der "neuen Normalität". Vermutlich wird es sich später einmal als der eigentliche Schlüsselbegriff für die Zeit des Übergangs erweisen, in welcher wir uns nach wie vor befinden: Ein plakativer Schlüsselbegriff, hinter dem sich ganz unterschiedliche Vorstellungen über die mögliche künftige Rolle Deutschlands in der Welt verbergen. Auf den ersten Blick betrachtet, scheint es sich um ein eher harmloses Wort zu handeln, das sich gegen nichts und niemanden richtet, das leicht zu einem neuen Konsensbegriff werden könnte. Denn: Wer will schon nicht gesund oder normal sein? Aber man muß näher hinsehen. Dann entdeckt man, daß es im Umfeld dieser Vokabel um Grundorientierungen des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens in unserem Lande geht.

2. Die Ideologie des "deutschen Sonderweges" im 19. und 20. Jahrhundert

Als historiographischer und politischer Begriff hat das Wort "Normalität" eine - nicht überall bekannte - Geschichte, deren Kenntnis hilfreich ist, wenn man die Rede von der "neuen Normalität" richtig verstehen will.

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