Ausgabe Januar 1996

Sonderweg oder Normalität?

Zur Diskussion um die internationale Position der Bundesrepublik

1. "Neue Normalität" - ein Schlüsselbegriff auf dem Wege zur Berliner Republik

Seit der deutschen Einigung 1989 geistert ein Wort durch die außenpolitischen Debatten unseres Landes: das Wort von der "neuen Normalität". Vermutlich wird es sich später einmal als der eigentliche Schlüsselbegriff für die Zeit des Übergangs erweisen, in welcher wir uns nach wie vor befinden: Ein plakativer Schlüsselbegriff, hinter dem sich ganz unterschiedliche Vorstellungen über die mögliche künftige Rolle Deutschlands in der Welt verbergen. Auf den ersten Blick betrachtet, scheint es sich um ein eher harmloses Wort zu handeln, das sich gegen nichts und niemanden richtet, das leicht zu einem neuen Konsensbegriff werden könnte. Denn: Wer will schon nicht gesund oder normal sein? Aber man muß näher hinsehen. Dann entdeckt man, daß es im Umfeld dieser Vokabel um Grundorientierungen des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens in unserem Lande geht.

2. Die Ideologie des "deutschen Sonderweges" im 19. und 20. Jahrhundert

Als historiographischer und politischer Begriff hat das Wort "Normalität" eine - nicht überall bekannte - Geschichte, deren Kenntnis hilfreich ist, wenn man die Rede von der "neuen Normalität" richtig verstehen will.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema