Ausgabe Februar 1997

Bonn/Prag: Geschichte nach Maß

Nicht ohne Stolz präsentierte Klaus Kinkel bei der Paraphierung in Prag die deutsch-tschechische Erklärung der Öffentlichkeit als Ergebnis zäher, achtzehn Monate dauernder Verhandlungen (Wortlaut siehe Dokumententeil im vorliegenden Heft). Er vergaß allerdings anzumerken, daß es nicht so sehr die Belastungen der deutschtschechischen Vergangenheit als innenpolitische Probleme waren, vor allem die unklare Haltung der Bundesregierung gegenüber der Sudetendeutschen Landsmannschaft mit ihren CSU-Wählerpotentialen, die diese Verhandlungen so schwierig und kompliziert machten. Tatsächlich konnte man mitunter den Eindruck gewinnen, daß die Bundesregierung sich die Positionen der Landsmannschaft, die in ihrem Kern auf eine Relativierung, wenn nicht eine Revision der europäischen Nachkriegsordnung hinauslaufen und den Rahmen der "normalen" Bonner Politik weit sprengen, zu eigen machte, bis hin zu dem durch Außenminister Klaus Kinkel geäußerten Zweifel an der Verbindlichkeit des Potsdamer Abkommens für die Bundesrepublik.

Man muß sich schon, wenn man den Verhandlungsverlauf zurückverfolgt, die Frage stellen, was für eine Erklärung wohl zustande gekommen wäre, wenn die tschechische Seite dem zeitweise massiven deutschen Druck nachgegeben und nicht so viel Stehvermögen, Zähigkeit und Verhandlungsgeschick an den Tag gelegt hätte.

Februar 1997

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.