Ausgabe Oktober 1997

Volkstrauer

Der Tod von Lady Diana hat einen Heiligenkult ausgelöst, der mit den Mechanismen der Mediengesellschaft allein nicht erklärt werden kann. Er sagt mehr über den Zustand der Trauergemeinde als über die Person von Diana aus. Wird ein Mensch als heilig verehrt, so sind nach christlicher Tradition in der Regel bestimmte Voraussetzungen gegeben: die entsprechende Person ist jung, ausreichend schön, im Leben wie im Tod eine tragische Gestalt, sie hat der Welt Gutes gebracht und wurde dem Leben jäh entrissen. Die psychologische Basis der Heiligenverehrung ist eine doppelte: der Ruf nach Hilfe in der Not und die Möglichkeit, sich zu identifizieren. Lady Diana bot den verschiedenartigsten Bevölkerungsschichten eine Identifikationsmöglichkeit: den von mangelnder Selbstachtung Geplagten ebenso wie der verlassenen Ehefrau, dem disco-versessenen Tweenie ebenso wie der pflichtbewußten Mutter, den Menschen mit Verantwortungsgefühl für die Underdogs ebenso wie der High Society und ihrem Repräsentationsbedürfnis.

Es sind die vielen widersprüchlichen Facetten ihres Daseins, die einen breiten Personenkreis binden. "Heilige waren im Weltbild des spätmittelalterlichen Menschen die Fürbitter am göttlichen Thron, sie hatten bei speziellen Problemen, Krankheiten und Nöten zu helfen, und sie galten als Garanten der Hilfe ...

Oktober 1997

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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