Ausgabe April 1999

Wo schon vier Großmächte sich die Finger verbrannten

Am Vorabend eines sich ankündigenden massiven Aufmarsches von NATO-Truppen zum Schutz sowohl der albanischen Aufständischen als auch der Zivilbevölkerung im Kosovo vor dem serbischen Militär mag es aufschlußreich sein, diese Intervention im Licht der historischen Verwicklungen ausländischer Mächte in die ethnischen Konflikte des balkanischen Dampfkessels zu betrachten. Der offenbar erfolgreiche Versuch, die Vereinigten Staaten und ihren wichtigsten europäischen Verbündeten herumzukriegen und als Paten eines albanischen Zwergstaats im Kosovo zu gewinnen, paßt zu einer historischen Konstante im Denken der Albaner - daß ihr Traum vom albanischen Staat, sei es ein Groß- oder auch nur Klein-Albanien - sich ohne die Protektion einer Großmacht nicht verwirklichen läßt. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts betrachten viele Albaner Kosovo, diesen bergumschlossenen Kessel im Hochland, als die Wiege ihres nationalen Traums, politisch bedeutsamer als die angestammten Regionen weiter westlich und südlich in den früheren türkischen Provinzen Jannina und Shkoder, wo sich weit größere Konzentrationen ethnischer Albaner fanden. Die Klanführer in der zentralen Region Drenica riefen ihre Leute immer wieder auf, sich zu erheben und für ein einheitliches, ethnisch reines Kosovo zukämpfen - Endziel "Großalbanien".

April 1999

Sie haben etwa 22% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 78% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema