Am Vorabend eines sich ankündigenden massiven Aufmarsches von NATO-Truppen zum Schutz sowohl der albanischen Aufständischen als auch der Zivilbevölkerung im Kosovo vor dem serbischen Militär mag es aufschlußreich sein, diese Intervention im Licht der historischen Verwicklungen ausländischer Mächte in die ethnischen Konflikte des balkanischen Dampfkessels zu betrachten. Der offenbar erfolgreiche Versuch, die Vereinigten Staaten und ihren wichtigsten europäischen Verbündeten herumzukriegen und als Paten eines albanischen Zwergstaats im Kosovo zu gewinnen, paßt zu einer historischen Konstante im Denken der Albaner - daß ihr Traum vom albanischen Staat, sei es ein Groß- oder auch nur Klein-Albanien - sich ohne die Protektion einer Großmacht nicht verwirklichen läßt. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts betrachten viele Albaner Kosovo, diesen bergumschlossenen Kessel im Hochland, als die Wiege ihres nationalen Traums, politisch bedeutsamer als die angestammten Regionen weiter westlich und südlich in den früheren türkischen Provinzen Jannina und Shkoder, wo sich weit größere Konzentrationen ethnischer Albaner fanden. Die Klanführer in der zentralen Region Drenica riefen ihre Leute immer wieder auf, sich zu erheben und für ein einheitliches, ethnisch reines Kosovo zukämpfen - Endziel "Großalbanien".
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.