Ausgabe November 1999

Das Jahrhundert der Gewalt

 Am Ende dieses Jahrhunderts sind wir mit einer besonderen Art von Beunruhigung konfrontiert, die unsere Situation, denke ich, unterscheidet von der vorangehender Generationen, etwa der Menschen am Ende des vorherigen Jahrhunderts. Unsere Verständnisprobleme, unsere Beunruhigungen unterscheiden sich fundamental von den Deutungen, Bewertungen und Erwartungen, die bei der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert diskutiert wurden. Unsere Beunruhigung ist Resultat der Gewaltgeschichte dieses Jahrhunderts, Resultat der Entgrenzung von Destruktivität, die nun einmal das Erbe dieses Jahrhunderts ist. In der Regel kristallisiert sich diese Beunruhigung in der Frage: "Wie konnte es möglich werden?" - einer Frage, die man sehr schnell auf den Einzelmenschen hin konkretisiert. Wir begegnen ihr überall, sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Literatur, sie wird in öffentlichen und privaten Debatten immer wieder aufgeworfen: "Wie kann es sein, daß ein Mensch - es folgt gemeinhin ein konkretes Beispiel - dergleichen tut?" Oft folgt die Ergänzung: "noch dazu ein ganz angenehmer Zeitgenosse, ein zärtlicher Familienvater".

Diese Frage ist ebenso zählebig wie außerordentlich töricht, unterstellt sie doch, daß ein Mensch, der entsetzlicher Taten fähig ist, diese seine Fähigkeit von morgens bis abends unter Beweis zu stellen habe.

November 1999

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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