Ausgabe Februar 2000

Nationalstaat ohne Zukunft?

Mit der Formel vom "fin de siecle" verbanden sich früher Vorstellungen von kulturellem Niedergang, Verwirrung der Werte und einem Vertrauensverlust der Eliten. Das gilt ganz eindeutig für das Ende des 19. Jahrhunderts. Im Rückblick erscheint es uns als Vorbote jener Krise der europäischen Zivilisation, die 1914 folgte. Im Kontrast hierzu endete das 20. Jahrhundert mit Feuerwerken des Optimismus, mit kräftig bekundetem Zukunftsvertrauen. Die wichtigsten Nationen haben ihre Wertekrisen und ihre sozialen und kulturellen Umwälzungen in den Jahrzehnten um die Jahrhundertmitte durchgemacht. Europäer und Japaner erlebten die späten 40er als "Null"-Jahre. Der Krieg hatte ihre Systeme zerbrochen. Amerikas Krise kam in den 60ern und frühen 70ern.

Die 90er Jahre hingegen ließen die Demokratien triumphieren. Ihre Wirtschaft blühte. Die Technologie veränderte das Leben der Menschen dramatisch. Für andere Teile der Welt sah es nicht so wunderbar aus, aber der Kern des Westens - Westeuropa und Nordamerika - verabschiedete sich vom 20. Jahrhundert mit einem Paukenschlag und beginnt das 21. mit großen Erwartungen. Selbst die Russen, die das Jahrhundert als niederschmetternde Erfahrung erlebten, bekunden Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Tatsächlich begleiten Voraussagen besserer Zeiten das neue Jahrhundert. Manche sehen einen progressiven Systemwandel voraus.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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Nach langem Ringen hat das Europäische Parlament am 16. Dezember 2025 dem sogenannten Omnibus-I-Paket zugestimmt, das zentrale Regelwerke des European Green Deal »vereinfachen« soll. Tatsächlich hat die Europäische Volkspartei damit allerdings nicht vereinfacht, sondern vielmehr die »Brechstange« (Manfred Weber, CSU) an die EU-Lieferkettenrichtlinie angesetzt.