Ausgabe September 2002

9/11: Haben wir irgendetwas gelernt?

Wenn ich frage, ob wir in irgendeiner Hinsicht klüger geworden sind, so meine ich jene Art Klugheit, ohne die es keine erfolgreiche Politik gibt: Ein Erbe unter veränderten geschichtlichen Bedingungen zu bewahren, indem man es anpasst. Das Erbe, das ich erhalten möchte, lässt sich nur bewahren, indem man es ausweitet. Es handelt sich um das doppelte Erbe von Aufklärung und Demokratie. Die Amerikanische Revolution, der britische Chartismus, die Französische Revolution mit ihren europäischen Ausläufern, der emanzipatorische Nationalismus des 19. Jahrhunderts in Europa und Lateinamerika - sie alle orientierten sich an Kategorien wie der Selbstbestimmung des Menschen, der Volkssouveränität und der Republik der Citoyens. Dem entsprach ein Verständnis der Politik als Prozess fortwährender Erziehung, Führung als pädagogisches Amt. Der Antikolonialismus und Antiimperialismus eroberter Völker im 19. und 20. Jahrhundert übernahm ein Großteil seiner Ideen aus den Metropolen der Eroberer. Diese Ideen prägten den Sozialismus, in seinen christlichen ebenso wie in seinen marxistischen Versionen.

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Aktuelle Ausgabe Mai 2020

In der Mai-Ausgabe analysiert der Historiker Adam Tooze das radikal Neue der Coronakrise, deren ökonomische Folgen uns noch auf Jahrzehnte beschäftigen werden. Die Politikwissenschaftler Kurt M. Campbell und Rush Doshi zeigen, wie sich China im Kampf gegen die Pandemie als neue globale Führungsmacht positioniert – vor allem gegen die USA. Der Historiker Yuval Noah Harari mahnt, dass wir Herausforderungen wie Covid-19 nur in globaler Kooperation bewältigen können. „Blätter“-Redakteur Albrecht von Lucke erörtert, wie sich die Demokratie gegen den Ausnahmezustand bewähren kann – und muss. Und Simone Schlindwein, Ellen Ehmke, Jessé Souza sowie Franziska Fluhr widmen sich den Folgen der Coronakrise für den globalen Süden.

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Noch im Januar beherrschte der USA-Iran-Konflikt die Überschriften der internationalen Berichterstattung. Nun aber ist der Konflikt durch die Corona-Pandemie nahezu vollständig von der Bildfläche verschwunden. Daraus zu schließen, die Auseinandersetzungen hätten sich beruhigt, wäre nicht nur naiv, sondern auch fatal. Denn das Gegenteil ist der Fall.