Ausgabe Dezember 2004

Bush I = Bush II

Tony Blair sagte nach den US-Wahlen, jetzt müssten die Europäer sich auf Amerikas "neue Wirklichkeit" einstellen. Einige EU-Regierungen beschuldigte er, die Bestätigung der Politik George W. Bushs durch Amerikas Wahlvolk nicht wahrhaben zu wollen.

Ihm standen dabei zweifellos die "Alteuropäer" vor Augen, die Bushs Irakpolitik ablehnen, aber der Vorwurf trifft viel eher jene europäischen Atlantiker, die bis zum 2. November immer noch geglaubt hatten, die erste Administration George W. Bushs stelle lediglich eine Panne auf der großen Fahrt zur Atlantischen Union dar.

Ein niederländischer Professor erzählte mir im Jahre 2002, die politische Klasse seines Landes lebe in der Überzeugung, dass Donald Rumsfeld die Washingtoner Atlantiker, mit denen man viele Jahre hindurch so gut zurecht gekommen war, entführt und weggesperrt habe.

Sie redeten sich ein, diese Amerikaner warteten darauf, durch eine neue Wahl aus ihrem Verlies befreit zu werden. Sie würden dann blinzelnd ans Tageslicht zurückkehren, um ein Verhältnis europäisch-amerikanischer Intimität wiederherzustellen, das abbrach, als der junge George Bush anfing, Verträge zu kündigen.

In den außenpolitischen Kreisen Europas lautete der Refrain der letzten Tage Versöhnung und Neuanfang.

Sie haben etwa 18% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 82% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Europa

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.

»10-Millionen-Schweiz«: Mauern gegen die Polykrise

von Cédric Wermuth

Am 14. Juni stimmt die Schweiz per Referendum über eine Initiative ab, die europaweit Schule machen könnte. Unter dem Titel »Keine 10-Millionen-Schweiz« verlangt die rechtsnationalistische Schweizerische Volkspartei die Einführung eines Bevölkerungsdeckels in der Verfassung.