1989 ist der Kapitalismus US-amerikanischer Prägung als Sieger aus dem "Systemwettbewerb" hervorgegangen. In Gestalt der neoliberalen Globalisierung hat er der Welt seinen Stempel aufgedrückt. Doch anders als versprochen gehen Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung weder mit "Wohlstand für alle" noch mit der Verbreitung von Demokratie, Menschenrechten und Frieden einher. Ganz im Gegenteil: Die neoliberale Globalisierung befördert soziale Ungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern und Regionen; sie ist mit Ketteneffekten finanzieller und wirtschaftlicher Krisen verbunden und hat zur Verschärfung der ökologischen Krise beigetragen. Schlimmer noch, sie wird begleitet von gewalttätigen Konflikten und Kriegen. Das jedoch passt überhaupt nicht zum ambitionierten Modell der Geoökonomie, wonach die Öffnung nationaler Ökonomien zum Weltmarkt ja gerade eine Alternative zur machtzentrierten Durchsetzung von politischen und ökonomischen Interessen (also von: Geopolitik) sein soll. Die Geoökonomie kennt nur Konkurrenten, keine Feinde. Wer Handel treiben will, kann nicht zugleich Krieg gegeneinander führen, so lautet die optimistische These in der Debatte um die mit Globalisierungsprozessen einhergehenden Ent-Territorialisierung von Ökonomien.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.