Ausgabe Juni 2007

Backlash am Bosporus

Nach fast fünf Jahren relativer Stabilität und jährlichen Wachstumsraten der Wirtschaft von über sechs Prozent ist die Türkei plötzlich wieder in der Krise. Was viele auswärtige Beobachter überraschte, hatte sich allerdings schon über Monate angekündigt. Manifest wurde die Krise mit dem „virtuellen Putsch“ der Militärs, die am 27. April kurz vor Mitternacht eine Erklärung auf ihrer Website veröffentlichten, die in der Türkei einen Schock auslöste. Kaum verklausuliert wurde da mit Putsch gedroht, falls die regierende moderat-islamische „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) weiterhin versuchen sollte, Außenminister Abdullah Gül zum neuen Präsidenten zu wählen. „Wir sehen einen elementaren Grundsatz des Staates, den Laizismus, gefährdet“, erklärten die Generäle und drohten damit, gegen die angeblichen Versuche einer Re-Islamisierung der Republik eindeutig Position zu beziehen.

Das Scheitern des EU-Beitritts

Auf den ersten Blick scheint die zeitliche Koinzidenz der Krise in der Türkei und der Wahl von Nicolas Sarkozy zum neuen französischen Präsidenten reiner Zufall zu sein. Bis zu einem gewissen Grad ist sie das auch. Die türkischen Generäle haben in der Tat nicht mit einem Putsch gedroht, weil sie annehmen mussten, dass zehn Tage später die Rechte in Frankreich die Wahlen gewinnen würde.

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der europäische Flüchtlingsschutz: Eine Ruine

von Vanessa Barisch

Haftähnliche Unterbringung, fehlender Rechtsschutz während des Asylverfahrens und die Legalisierung von Pushbacks, das sind die Merkmale, die ab Juni den Umgang mit Flüchtlingen in der EU prägen werden. Bis dahin sollen die EU-Staaten die schon 2024 beschlossene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems umgesetzt haben.