Ausgabe November 2019

Kühle erfrischende Trauer

Bild: Hanser Verlag

Früh schon hieß es unter Kritikern, der Dichter Günter Kunert sei den Raben verwandt. Diesen sehr einzelnen Wesen, die bei erfahrenen Hexen, weisen Göttinnen und exzellenten Zauberern wohnen. Nachricht bringen sie vom Wesen der Dinge, unbekümmert über Bitterkeit oder Erfreulichkeit ihrer jeweiligen Kunde. Just dies brachte die Vögel in Verruf bei den Frohnaturen, die man auch Ideologen nennen darf: Scheuklappen schützen vor Einfällen des Zwielichts. Wer hingegen bereit ist, nicht zu viel zu erwarten, aber mit allem zu rechnen, wer also fähig bleibt, eine rau geknarrte Wahrheit über die melodiöse Lüge zu stellen, der fühlt sich den Raben verbunden.

Oder eben einem Dichter wie Kunert. Seine Verse: rabendüster, doch schimmernd von Schönheit. Voll Heiterkeit auch – darüber, bei Sprache zu bleiben, just dort, wo es zum anständigen Ton gehört, mit seinem Latein am Ende zu sein. „Zu Gast im Labyrinth“ heißt der letzte Gedichtband Kunerts, erschienen kurz vor des Schriftstellers Tod im September 2019. Die „Unbesiegliche Inschrift“ Brechts, bei diesem ein Signum einer erfolgreich insistierenden Vernunft, ist bei Kunert gebunden an „die Botschaft der Vergeblichkeit“ – hervorgebracht in Troja, dieser Trümmer-Metropolis einer unüberwindlichen Gegenwart.

Sie haben etwa 15% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 85% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Druckausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2020

In der Mai-Ausgabe analysiert der Historiker Adam Tooze das radikal Neue der Coronakrise, deren ökonomische Folgen uns noch auf Jahrzehnte beschäftigen werden. Die Politikwissenschaftler Kurt M. Campbell und Rush Doshi zeigen, wie sich China im Kampf gegen die Pandemie als neue globale Führungsmacht positioniert – vor allem gegen die USA. Der Historiker Yuval Noah Harari mahnt, dass wir Herausforderungen wie Covid-19 nur in globaler Kooperation bewältigen können. „Blätter“-Redakteur Albrecht von Lucke erörtert, wie sich die Demokratie gegen den Ausnahmezustand bewähren kann – und muss. Und Simone Schlindwein, Ellen Ehmke, Jessé Souza sowie Franziska Fluhr widmen sich den Folgen der Coronakrise für den globalen Süden.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der Corona-Schock

von Ulrich Menzel

Die Corona-Krise zeigt mehr denn je, wie abhängig uns die globale Vernetzung macht: von funktionierenden Lieferketten bis zur Versorgung mit Schutzmasken. Eine teilweise De-Globalisierung erscheint angesichts dessen unumgänglich.