Ausgabe November 2019

Kühle erfrischende Trauer

Bild: Hanser Verlag

Früh schon hieß es unter Kritikern, der Dichter Günter Kunert sei den Raben verwandt. Diesen sehr einzelnen Wesen, die bei erfahrenen Hexen, weisen Göttinnen und exzellenten Zauberern wohnen. Nachricht bringen sie vom Wesen der Dinge, unbekümmert über Bitterkeit oder Erfreulichkeit ihrer jeweiligen Kunde. Just dies brachte die Vögel in Verruf bei den Frohnaturen, die man auch Ideologen nennen darf: Scheuklappen schützen vor Einfällen des Zwielichts. Wer hingegen bereit ist, nicht zu viel zu erwarten, aber mit allem zu rechnen, wer also fähig bleibt, eine rau geknarrte Wahrheit über die melodiöse Lüge zu stellen, der fühlt sich den Raben verbunden.

Oder eben einem Dichter wie Kunert. Seine Verse: rabendüster, doch schimmernd von Schönheit. Voll Heiterkeit auch – darüber, bei Sprache zu bleiben, just dort, wo es zum anständigen Ton gehört, mit seinem Latein am Ende zu sein. „Zu Gast im Labyrinth“ heißt der letzte Gedichtband Kunerts, erschienen kurz vor des Schriftstellers Tod im September 2019. Die „Unbesiegliche Inschrift“ Brechts, bei diesem ein Signum einer erfolgreich insistierenden Vernunft, ist bei Kunert gebunden an „die Botschaft der Vergeblichkeit“ – hervorgebracht in Troja, dieser Trümmer-Metropolis einer unüberwindlichen Gegenwart.

Sie haben etwa 15% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 85% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.