Ausgabe September 2021

Currywurst statt Peenemünde

In diesem, für Deutschland so zerstörerisch-verregneten Sommer gab es zumindest einen kleinen Lichtblick: Die UNESCO erweiterte ihre Sammlung um gleich fünf deutsche Stätten. Zum Welterbe gehören nun auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, das jüdische Kulturerbe in Mainz, Speyer und Worms, der Niedergermanische wie der Donaulimes und – Wasser marsch – die Kurorte Baden-Baden, Bad Kissingen und Bad Ems.

So etwas weckt natürlich Begehrlichkeiten. Daher soll, wenn es nach Manuela Schwesig geht, nun noch ein anderes Seedenkmal „Erbe der Menschheit“ werden – nämlich das Historisch-Technische Museum in Peenemünde auf der Insel Usedom. Dumm nur, dass Peenemünde vor allem dafür bekannt ist, dass es in der NS-Zeit geheime Forschungsstelle war, in der unter anderem die legendäre Wunderwaffe V2 – V für Vergeltung – gebaut wurde, unter körperlicher Vernichtung Tausender Zwangsarbeiter. Angesichts der jüngsten Welterbestätten – der Judenfriedhöfe von Mainz, Speyer und Worms – klingt die Begründung „Peenemünde würde als historisch-technisches Zeugnis des 20. Jahrhunderts eine Lücke auf der Liste schließen“, dann doch reichlich „gewagt“, sprich: verharmlosend.

Auf Nummer sicher hat die Regierung Schwesig denn auch schon einmal einen zweiten Vorschlag nachgeschoben, nämlich die astronomische Uhr in der Rostocker St.-Marien-Kirche, deren Kalenderscheibe seit 1472 neben der Zeit auch Mondphasen und Tierkreiszeichen anzeigt – und das sogar bis zum Jahr 2150. Mehr Zukunft wagen, lautet nun die Devise!

Wie man deutsches Kulturgut dagegen wirklich und zugleich zutiefst antifaschistisch schützt, demonstriert derweil Schwesigs alter Parteigenosse Gerhard Schröder, Ex-Bundeskanzler und Ex-VW-Aufsichtsrat. In der Volkswagen-Stadt Wolfsburg, zu Nazi-Zeiten noch „Stadt des KdF-Wagens“, wird die für gute Arbeit erforderliche „Kraft durch Freude“ heute vor allem durch die legendäre und sogar patentierte VW-Currywurst produziert. Ebendiese sollte nun in einer (!) der zahlreichen Werkskantinen abgesetzt werden. Daraufhin brach ein nationaler Sturm der Entrüstung los, angeführt von „Bild“ und dem Ex-Kanzler. Curry verpflichtet: Immerhin hatte Schröder seiner Liebe zur Wurst schon seine dritte (oder war es die vierte?) Ehe, mit der bedeutenden Vegetarierin Hillu, geopfert.

„Currywurst mit Pommes ist einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion. Das soll so bleiben“, so Schröder perfekt gendernd und gleich auch noch hashtaggend mit #rettetdieCurrywurst. Doch bloß keine Häme: Wo der Mann recht hat, hat er recht! Denn wenn etwas die deutschen Mannen nach 1945 pazifiziert und von den Irrlehren des Vegetariers Hitler kuriert hat, dann waren es Pferdestärken auf freier Autobahn und die Currywurst. Das wusste schon der große Ulf Poschardt, als er Andi Scheuer wegen seines Kampfes gegen das Tempolimit zum „größten lebenden deutschen Antifaschisten“ ausrief.

Wer also das deutsche Volk nicht wieder reizen und zum Aufstand für ein Viertes Reich veranlassen will, der lasse ihm seine Currywurst! Sollte also das Land Niedersachsen seinen Vorschlag für das Weltkulturerbe noch nicht eingereicht haben, unser wäre glasklar: die Kraftriegel-Braterei in der Volkswagen-Kantine in der KdF-Stadt Wolfsburg. Mehr Pazifismus war nie in Deutschland!

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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