Ausgabe Mai 1993

Angst...

Unsere politische Klasse, soweit die ihr Angehörenden an den Schalthebeln der Macht sitzen, verkündet uns dreimal am Tag, alles stünde zum besten. Sie wissen zwar, dem sei nicht so, aber sie glauben, eine ersichtlich beunruhigte Bevölkerung sei trostbedürftig und nur so dazu zu bringen, die Verursacher der Misere bei den nächsten Wahlen in ihren Ämtern zu bestätigen.

Nun, darüber ist nichts weiter zu sagen; einzusehen, daß sie diesen Wahlen mit Bang en entgegensehen. Über die Opposition, sprich SPD, ist überhaupt nichts zu sagen, denn sie ist nur noch auf dem Papier vorhanden, politisch spielt sie den toten Mann.

Nun gibt es aber noch, drittens, eine Miniminderheit von politisch interessierten Intellektuellen jeglicher Couleur, die sich fragen, nachzulesen in Publikationen mit geringer Auflage, nicht in den großen Zeitungen und gewiß nicht in der "Zeit": Verdammt, was ist bloß los mit diesen Deutschen (und also auch mit uns selbst)? Um das herauszufinden, benützen sie gewissermaßen einen Rechenschieber, und wenn sie damit feststellen wollen, wieviel 5 mal 10 ist, kommt 49,9 heraus. Als ich in den 70er Jahren mehrfach in der damaligen UdSSR war, sah ich in Supermärkten Kassiererinnen an einer elektrischen Rechenmaschine sitzen, neben der ein Gestell stand, auf dem bunte Rollen hin- und hergeschoben werden konnten.

Mai 1993

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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