Ausgabe August 1993

Die Farbe der Schwarzen

Über die Konstruktion von Menschenrassen

In der Vorbemerkung seines Stücks "Die Neger" fragt Jean Genet hinterhältig: "Was ist eigentlich ein Schwarzer? Und vor allem: welche Farbe hat er?" Das impliziert ersichtlich die provokative Antwort, die Annahme, Schwarze seien von Natur aus schwarz, beruhe auf einer Täuschung. Diese freilich tritt seit der Mitte des 18. Jahrhunderts als wissenschaftliche Erkenntnis auf. Carl von Linn hat die Hautfarbe zur entscheidenden Grundlage seiner Einteilung der verschiedenen Arten des Menschen gemacht.

Nachdem er dabei über zahlreiche Auflagen hinweg mit der Farbgebung experimentiert, entscheidet er sich schließlich bis zur dreizehnten Auflage für eine bis heute vertraut klingende Einteilung in: homo europaeus albus, den weißen Europäer - homo americanus rufus, den roten Amerikaner - homo asiaticus luridus, den blaßgelben Asiaten - und homo africanus niger, den schwarzen Afrikaner. Setzt man diese Farbskala mit jener der ersten Auflage in Beziehung, so gibt schon der bloße Vergleich den Blick frei auf die Subjektivität solcher Tönung. Der Europäer ist hier noch nicht albus, weiß, sondern albescens, weißwerdend der Amerikaner ist noch nicht rufus, rot, sondern rubescens, rotwerdend 1).

August 1993

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema