Ausgabe Juni 2004

Vom Modell Deutschland zum Modell Europa

Deutschland steht vor dem wirtschaftlichen Niedergang; es gehört zu der neuesten Spezies, die ökonomische Entwicklungstheoretiker entdeckt haben, nämlich zu den Newly Declining Countries (NDC), jenen Ländern, die ihre Position an der Spitze der hoch entwickelten Volkswirtschaften wohl nicht werden halten können. Diesen Eindruck muss man jedenfalls gewinnen, wenn man das Getöse der Politiker und die zunehmend schärfer und wehklagender werdenden Kommentare der Medien und ihrer selbst ernannten Wirtschaftsexperten hört.1 Obwohl der Weg des Niedergangs angeblich bereits vorgezeichnet ist, soll allenfalls eine scharfe Umkehr, nämlich die dramatische Reform der Sozialsysteme und des Arbeitsmarktes, kurzum: eine Wende à la Thatcher und damit die endgültige Abkehr vom "Modell Deutschland" in der Lage sein, das ganz böse Ende zu vermeiden.

Tatsächlich lässt sich nicht ernsthaft bestreiten, dass der deutsche Wohlfahrtsstaat schon bessere Zeiten erlebt hat: Nicht nur die objektiven Rahmendaten wie Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit können sich gegenwärtig im internationalen Vergleich nicht gut sehen lassen – das hässliche Bild vom "Schlusslicht Europas" macht die Runde –, auch die Anziehungskraft des deutschen Arbeitsbeziehungs- und Tarifsystems hat deutlich nachgelassen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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