Ausgabe Mai 2012

Rettet Springer!

Am 2. Mai jährt sich der Geburtstag von Axel Cäsar Springer zum 100. Mal. Doch zweifellos würde sich der Gründer des gleichnamigen Verlages und Kreator der „Bild“-Zeitung im Grabe umdrehen, wenn er lesen müsste, was seine Epigonen in letzter Zeit alles hervorzaubern – nämlich die diabolische Allmacht jener ominösen „DDR“, die Axel Cäsar stets in Anführungszeichen setzen ließ.

Schon 2009 machte „Bild“ in getreuem Zusammenspiel mit den Stasi-Akten-Verwaltern publik, dass die Zeitenwende von „68“ völlig anders erzählt werden müsse. An der Wiege der Bewegung stand kein durchgeknallter West-Polizist, sondern ein ebensolcher Stasi-Agent. Karl-Heinz Kurras, der Mörder Benno Ohnesorgs, eine bloße Marionette des Ostens! Doch es kam noch schlimmer. Denn in diesem Jahr wurde ruchbar, dass Beate Klarsfeld für ihre Ohrfeige gegen den Nazi-Kanzler Kurt Georg Kiesinger 1968 mit Geld aus dem Osten belohnt wurde und weitere Backpfeifen bereits in Planung waren.

Und damit nicht genug: Nicht nur die 60er Jahre erstrahlen tief DDR-rot, in den 70ern sieht es nicht viel besser aus. Dass das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt nur dank Stasi-Stimmenkauf scheiterte, war ja schon lange bekannt. Und ebenso klar war, dass die Friedensbewegung feuerrot unterwandert war. Doch nicht etwa auch die „Bild“-Zeitung?! Der letzte Hort der wahren guten westlich-kapitalistischen Lehre!

Und ob! Am 22. April titelte die „Welt am Sonntag“: „Kam Ali aus Ost-Berlin?“ Ja, auch das noch. Auch hinter Günter Wallraff – dem „Aufmacher“, dem „Mann, der bei ‚Bild‘ Heinz Esser“ war – versteckte sich angeblich noch ein gedungener Stasi-Schreiberling. Nicht ein verkleideter Wessi hatte Springer unterwandert, sondern die DDR. Also das ganze Multikulti mit Ali und Aishe ein reines Ost-Produkt? Sollte am Ende gar die ganze mentale Verwestlichung der BRD ein Ergebnis der DDR gewesen sein? Wo Bundesrepublik drauf steht, ist auch DDR drin?

Was für ein Debakel! „Wo mischte die DDR in der Bundesrepublik denn noch überall mit? Wie stark beeinflusste sie die bundesdeutsche Politik, wie sehr steuerte sie die öffentliche Wahrnehmung?“, fragt denn auch völlig konsterniert WamS-Chefredakteur Jan-Eric Peters. Dabei hatte Springer-Nachfolger und -Double Mathias Döpfner doch gerade den Ausgleich mit der 68er-Generation gesucht und dafür die ganze „Welt“ mit einer Horde von Renegaten bevölkert. Und nun das. Der ganze Aufbruch von 68 ein Spaltprodukt des Ostens! Sollten sich vielleicht gar hinter Alice Schwarzer die langen Strippen Margot Honeckers verbergen?

Doch immerhin, es gibt noch Hoffnung. Heute betätigen sich bekanntlich zwei „gelernte Ossis“ an der Spitze des neuen Deutschlands, die voller Inbrunst ihren DDR-Background vergessen zu machen trachten. Doch Ossi bleibt doch Ossi. Wer wollte es da der „Bild“-Zeitung verdenken, dass sie einen bayrischen Freiherrn dagegen setzen wollte? Aber auch Karl-Theodor ist heute längst Geschichte – und die des östlichen Duo infernale hat gerade erst begonnen. Haben wir also – wenigstens zum Geburtstag – doch ein wenig Mitleid mit den Kalten Kriegern im Hause Springer!

PS: Am 23. Juni 2012, pünktlich zum 60. „Bild“-Geburtstag, will Springer eine kostenlose Sonderausgabe an alle Haushalte verschicken. Wer sich vor diesem DDR-unterwanderten Machwerk schützen möchte, dem sei herzlich geraten, rechtzeitig den Briefkasten zuzumauern (Alternativen dazu unter www.alle-gegen-bild.de).

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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