Ausgabe Oktober 2015

Flüchtlingsabwehr: Die osteuropäische Schande

Während Tausende von Menschen nach Europa fliehen, um den Schrecken des Krieges zu entkommen, und viele von ihnen bei dem Versuch sterben, spielt sich in vielen der neuesten Mitgliedstaaten der Europäischen Union eine andere Art von Tragödie ab. Diese Staaten, die gemeinsam als „Osteuropa“ bekannt sind und zu denen auch mein Geburtsland Polen gehört, haben sich als intolerant, engherzig und fremdenfeindlich erwiesen. Sie sind nicht in der Lage, sich an den Geist der Solidarität zu erinnern, der sie vor einem Vierteljahrhundert in die Freiheit geführt hat.

Dies sind die gleichen Gesellschaften, die vor und nach dem Fall des Kommunismus die „Rückkehr nach Europa“ ausriefen und stolz erklärten, sie teilten die Werte des Kontinents. Aber für was, glauben sie, steht Europa? Seit 1989 – und insbesondere seit ihrem Beitritt zur EU im Jahr 2004 – haben sie enorme finanzielle Transferleistungen durch die europäischen Struktur- und Zusammenhaltsfonds erhalten. Und heute sind sie nicht bereit, irgendetwas zur Lösung der größten Flüchtlingskrise Europas seit dem Zweiten Weltkrieg beizutragen.

Stattdessen hat die Regierung des EU-Mitgliedstaates Ungarn vor den Augen der ganzen Welt Tausende von Flüchtlingen misshandelt. Ministerpräsident Viktor Orbán sieht keinen Grund dafür, sich anders zu verhalten: Er besteht darauf, dass die Flüchtlinge kein europäisches Problem seien, sondern ein deutsches.

Orbán steht mit seiner Ansicht nicht allein. Sogar die katholischen Bischöfe Ungarns folgen ihm dabei. Laszlo Kiss-Rigo, Bischof von Szeged-Csanad, meint, muslimische Migranten beabsichtigten eine „Übernahme“ und der Papst erkenne „die Lage nicht“ – Papst Franziskus hatte jede katholische Gemeinde in Europa aufgefordert, eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen.

In Polen, einem Land mit 40 Millionen Menschen, hat sich die Regierung bereit erklärt, 2000 Flüchtlinge aufzunehmen – allerdings nur Christen. Auch die Slowakei hat ähnliche Bedingungen gestellt. Ein polnischer Journalist hat gegenüber dem „National Public Radio“ der Vereinigten Staaten behauptet, Flüchtlinge seien kein osteuropäisches Problem, da sich diese Ländern nie der Entscheidung zur Bombardierung Libyens angeschlossen hätten (doch auch Deutschland hat dies nicht getan).

Haben die Osteuropäer kein Schamgefühl? Seit Jahrhunderten sind ihre Vorfahren massenweise ausgewandert, um materiellem Elend und politischer Verfolgung zu entkommen. Und heute spielen das herzlose Verhalten und die kaltschnäuzige Rhetorik ihrer Politiker dem Populismus in die Hände. So sieht sich die Online-Ausgabe von Polens größter Zeitung, „Gazeta Wyborcza“, gezwungen, am Ende jedes Artikels über Flüchtlinge den folgenden Schlusssatz hinzuzufügen: „Aufgrund des außergewöhnlich aggressiven Inhalts vieler Kommentare, die sich ungesetzlicherweise für Gewalt aussprechen und rassistischen, ethnischen und religiösen Hass verbreiten, ist das Verfassen von Kommentaren derzeit nicht möglich.“

Vor noch nicht allzu langer Zeit, in den Jahren direkt nach dem Krieg, flohen osteuropäische, jüdische Überlebende des Holocaust vor dem mörderischen Antisemitismus ihrer polnischen, ungarischen, slowakischen und rumänischen Nachbarn ausgerechnet nach Deutschland, in die Sicherheit der Vertriebenenlager. Der Titel eines wichtigen Buches der Historikerin Ruth Gay über diese 250 000 Überlebenden lautet „Sicher unter den Deutschen“. Auch heute finden muslimische Flüchtlinge und Überlebende anderer Kriege keine Zuflucht in Osteuropa und fliehen in die deutsche Sicherheit.

In diesem Fall ist die Geschichte keine Metapher. Im Gegenteil: Die Wurzel des osteuropäischen Verhaltens, das gerade sein hässliches Gesicht zeigt, geht direkt auf den Zweiten Weltkrieg und die Zeit danach zurück.

Die Polen beispielsweise waren zwar zu Recht stolz auf den Widerstand ihrer Gesellschaft gegen die Nazis, haben aber tatsächlich während des Krieges mehr Juden als Deutsche getötet. Obwohl die polnischen Katholiken während der Nazi-Besatzung grausam litten, konnten sie für die Hauptopfer des Nazismus nur wenig Mitgefühl aufbringen. Wie sich Józef Mackiewicz, ein konservativer, antikommunistischer polnischer Schriftsteller mit makelloser patriotischer Einstellung, ausdrückte: „Während der Besatzung gab es buchstäblich keine einzige Person, die nicht einmal die folgende Aussage gehört hätte: ‚Eine Sache hat Hitler richtig gemacht hat, nämlich die Juden auszurotten.’ Aber öffentlich hätte man sich so nicht geäußert.“

Natürlich gab es auch Polen, die während des Krieges Juden geholfen haben. Tatsächlich ist die Anzahl der polnischen „Gerechten unter den Völkern“, die im israelischen Yad Vashem für ihre Heldenhaftigkeit während des Krieges ausgezeichnet wurden, unter allen europäischen Nationalitäten die größte. (Was insofern nicht überrascht, als Polen vor dem Krieg die Heimat der mit Abstand größten jüdischen Gemeinde in ganz Europa war.) Aber diese bemerkenswerten Menschen haben normalerweise allein und gegen die vorherrschenden sozialen Normen gehandelt. Sie waren Außenseiter, die noch lange nach Kriegsende ihr Heldentum vor ihren Nachbarn geheim gehalten haben – anscheinend aus Angst, sie könnten sonst von ihren eigenen Gemeinschaften gemieden, bedroht und geächtet werden.

Alle besetzten europäischen Gesellschaften haben sich in gewissem Ausmaß an den Taten der Nazis zur Vernichtung der Juden beteiligt. Jede von ihnen hat einen anderen Beitrag dazu geleistet, abhängig von den länderspezifischen Umständen und den Bedingungen der deutschen Besatzung. Aber am schlimmsten hat der Holocaust in Osteuropa gewütet, was an der schieren Anzahl von Juden in dieser Region und der unvergleichlichen Grausamkeit der Nazi-Besatzungsregimes lag.

Nach dem Ende des Krieges hatte Deutschland – aufgrund der Entnazifizierung durch die Siegermächte und seiner Verantwortung für die Planung und Ausführung des Holocaust – keine andere Wahl, als sich durch seine mörderische Vergangenheit „durchzuarbeiten“. Dies war ein langer, schwieriger Prozess, aber die deutsche Gesellschaft, die sich ihrer historischen Untaten bewusst wurde, hat dadurch gelernt, sich moralischen und politischen Herausforderungen wie dem momentanen Zufluss an Flüchtlingen zu stellen. Und die Kanzlerin Angela Merkel hat in der Flüchtlingskrise eine Art von Führungsqualität bewiesen, die allen osteuropäischen Politikern zur Schande gereicht.

Osteuropa dagegen muss seine mörderische Vergangenheit erst noch aufarbeiten. Nur wenn dies geschieht, können die Menschen dort ihre Pflicht zur Rettung derjenigen erkennen, die vor einem schlimmen Schicksal fliehen.

Übersetzung: Harald Eckhoff
© Project Syndicate

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Ukraine: Zwischen Korruption und Diktatfrieden

von Yelizaveta Landenberger

Anfang Dezember herrschte rege Pendeldiplomatie, während die Bombardierung ukrainischer Städte und die russischen Vorstöße an der Front unvermindert weitergingen. Völlig unklar ist, ob der im November bekannt gewordene US-»Friedensplan« auch nur zu einem Waffenstillstand führen kann.

Vom Einsturz zum Aufbruch: Die Protestbewegung in Serbien

von Krsto Lazarević

Rund 110 000 Menschen füllen am 1. November die Fläche vor dem Hauptbahnhof in Novi Sad, um der Opfer zu gedenken, die ein Jahr zuvor unter dem einstürzenden Vordach starben. Für die seit Monaten Protestierenden steht der Einsturz nicht für ein bauliches, sondern für ein politisches und gesellschaftliches Versagen: ein sichtbares Symbol für Korruption und ein zunehmend autokratisches System.

Der Kampf um Grönland: Versöhnung als Geopolitik

von Ebbe Volquardsen

Die Stadt Karlsruhe könnte schon bald vor einem Dilemma stehen. Im Januar 2025 zeichnete sie ihren langjährigen Stadtvertreter Tom Høyem (FDP) mit der Ehrenmedaille aus. In den 1980er Jahren war der gebürtige Däne, mittlerweile auch deutscher Staatsbürger, Dänemarks letzter Minister für Grönland – ein Amt aus der Kolonialzeit.