Ausgabe Juli 1991

Wenn der Alltag fremd wird

Modernisierungsschock und Fremdenfeindlichkeit

I

"Ein neues Gespenst geht heute auf der politischen Bühne Europas um: die Xenophobophilie. Die Bezeichnung trifft nicht nur auf diejenigen zu, die zum Anwachsen der Ausländerfeindlichkeit beitragen, um sie politisch auszunutzen, sondern auch diejenigen, die das Auftauchen ausländerfeindlicher Tendenzen zwar nicht billigen, aber dennoch versuchen, politischen Nutzen daraus zu ziehen." Der Untersuchungsausschuß "Wiederaufleben des Faschismus und Rassismus in Europa" des Europäischen Parlaments hatte in seinem Bericht vom Dezember 1985 auf zwei zentrale Probleme von Fremdenfeindlichkeit hingewiesen. Gleichwohl wird damit noch zu sehr das Problem auf die politische Arena eingeengt und gewissermaßen im Raster politischer Organisationen betrachtet. Dies ist sicherlich nicht falsch, aber eine Verengung, wenn es um Erklärungen gehen soll. Dazu bietet es sich an, die Phänomene breiter zu fassen, denn laut Eurobarometer-Umfrage von 1988 glaubt jeder dritte Europäer, daß es in seinem Land zu viele Angehörige anderer Völker oder Rassen gebe.

Dann zeigen sich zunächst zumindest F r e m d h e i t sg e f ü h l e gegenüber anderen als ein gesellschaftliches Massenphänomen, das sich in der Regel in einer Haltung der D i s t a n z ausdrückt.

Juli 1991

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Chile: Leere Versprechen für die Indigenen?

von Malte Seiwerth

Am 1. Juni hielt der chilenische Präsident Gabriel Boric zum letzten Mal seine jährliche Rede vor den beiden Parlamentskammern des südamerikanischen Landes, eine Tradition, die seit 1833 gepflegt wird. Nach dreieinhalb Jahren im Amt wirkte seine Rede bereits wie ein Abschied.