Ausgabe Januar 1995

Kontinentalverschiebung

Nun wird sie wieder einmal größer. Aber schließlich steht die Europäische Union ja auch jedem rechtsstaatlich, demokratisch und marktwirtschaftlich verfaßten Staat Europas offen. Der Beitritt von Österreich, Schweden und Finnland läßt das Bruttosozialprodukt der EU um 435 Milliarden ECU ansteigen, beschert ihr 22 Millionen neue EinwohnerInnen und erweitert das Territorium um 791 000 qkm. Ginge es nur um Zuwächse, dann könnten alle zufrieden sein. Die Neulinge sind hochentwickelte Industriestaaten mit einem stabilen demokratischen und rechtstaatlichen System, die gut in das Profil der Gemeinschaft passen. Und als neue Zahler überweisen sie mehr in die Brüsseler Haushaltskasse als sie per Rückfluß aus den Strukturfonds erhalten. Das erfreut insbesondere Portugal, Spanien, Griechenland und Irland, die sich ihre Zustimmung zur Norderweiterung mit einem Kohärenzfond haben abkaufen lassen.

Zufrieden ist auch der Nettozahler Bundesrepublik: auch wenn dessen Beiträge nicht geringer werden, ist doch der Spielraum für eine höheren Rückfluß - die neuen Bundesländer können ihn gut verwenden - gewachsen. Die selbstgewählte Isolation Norwegens trübt die Bilanz nur wenig, bleibt es dem Westen doch durch den Europäischen Wirtschaftsraum ökonomisch und durch die NATO auch militärisch verbunden.

Januar 1995

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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