Ausgabe September 1995

Ethnische Trennung

"Es gibt historische Situationen, in denen verschiedene Nationen, die im Herzen Erinnerungen an Ungerechtigkeiten und den Haß von Jahrhunderten tragen, einfach nicht zusammenleben können. Dann ist das 'geringste Übel' eine klare Trennung zwischen solchen Völkern: eine Grenze ziehen und die Bevölkerungen austauschen." So kommentierte Anfang August die unabhängige israelische Tageszeitung "Jediot Achronot" die mit dem kroatischen Blitzsieg in der Krajina eingeläutete neue Runde von Vertreibungen im dritten Balkankrieg. Nicht zufällig stand diese nüchterne Lagebeurteilung in einer israelischen Zeitung - in Israel hat man zur Problematik des Zusammenlebens verschiedener Völker und Religionen in einem Staat ein etwas realitätsbezogeneres Verhältnis als in Deutschland. Bei uns ist es fast ein Tabubruch, Bevölkerungsaustausch und Umsiedlungen als Problemlösung auch nur zu erwägen, die Idealvorstellung einer multikulturellen Gesellschaft beherrscht das Denken.

Während man das ideologische Für und Wider eines Bundeswehreinsatzes out of area als Grundsatzfrage mit Leidenschaft debattiert, geraten die konkreten politischen Ziele einer militärischen Intervention in Bosnien aus dem Blickfeld. Da aber geht es ums Detail, z.B.

September 1995

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.

»10-Millionen-Schweiz«: Mauern gegen die Polykrise

von Cédric Wermuth

Am 14. Juni stimmt die Schweiz per Referendum über eine Initiative ab, die europaweit Schule machen könnte. Unter dem Titel »Keine 10-Millionen-Schweiz« verlangt die rechtsnationalistische Schweizerische Volkspartei die Einführung eines Bevölkerungsdeckels in der Verfassung.