Ausgabe Dezember 2014

Neoliberalismus im Feldversuch

Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubten und hofften viele, nun werde sich ganz Europa den Kernländern des Westens angleichen. In der Wissenschaft boomten Transformationsstudien. Dass die hochentwickelten Länder mit dem nahenden Ende des Fordismus, sprich: der arbeitsintensiven Massenproduktion von Waren, alsbald selbst in eine schwere Krise gerieten, übersah man geflissentlich. Denn längst gab es eine ganz andere, wesentlich radikalere ökonomische Theorie: Mit Hilfe des Neoliberalismus konnte man alle sozialistischen Träume und Vorstellungen, die es 1989 noch gab, verdrängen. Doch als in den 1990er Jahren der Neoliberalismus in Osteuropa tobte, diesen bis dahin weitgehend homogenen sozialen Raum zerstörte und zerklüftete Landschaften schuf – mit Villenvororten und Slums, mit neuen vielspurigen Autobahnen und alten Straßen mit Pferdefuhrwerken –, da war dieser „neue“ Ansatz schon ziemlich alt. Denker wie Friedrich von Hayek (1899-1992), die sich logenartig in der 1947 gegründeten Mont Pelerin Society versammelten, nannten ihre theoretischen Ansätze „neo“, um den Liberalismus nach dem erneuten Scheitern in der Zeit zwischen den Weltkriegen neu zu beleben.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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