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Die Mär vom unpolitischen Hooligan

von Richard Gebhardt

Die Krawalle auf der Kölner Demonstration der „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa) am 26. Oktober 2014 bestimmten tagelang die mediale Berichterstattung. Unter der Losung „In den Farben getrennt, in der Sache vereint“ mobilisierte die Hogesa rund 4500 Hooligans, Rocker, Neonazis und sonstige Sympathisanten auf den Breslauer Platz vor dem Kölner Hauptbahnhof, vorgeblich, um gegen radikale Islamisten zu protestieren. Die Bilanz von 45 verletzten Polizisten, zahlreichen Sachbeschädigungen sowie bedrohten Journalisten dokumentiert eindrucksvoll das Gewaltpotential der Hogesa. Bereits im Vorfeld warnten antifaschistische Gruppen vor einem der größten neonazistischen Aufmärsche im Westen der Bundesrepublik seit Jahren.[1]

Der Kampf um die Kurve

Die Kampagne der Hogesa zeigt, dass Teile der gewaltaffinen Fußballsubkultur auf eine Ausweitung der Kampfzone drängen – jenseits ihres klassischen Terrains, nämlich des Stadions, sowie von „Wald und Wiese“ als Austragungsorte organisierter Massenschlägereien, die auch als „dritte Halbzeit“ bezeichnet werden. Auch wenn die Hogesa in ihrer jetzigen Variante nur eine „temporäre Kampfgemeinschaft“[2] bleiben wird, ist sie Ausdruck einer noch nicht abgeschlossenen und explizit politisch ausgerichteten Neuformierung der Hooligans. Sie als „unpolitisch“ zu charakterisieren, vermehrt nur die Mythen dieser nach rechts offenen Fanszene.

Vor diesem Hintergrund waren die ersten offiziellen Reaktionen auf die Demonstration der Hogesa bemerkenswert eindimensional. Hans-Georg Maaßen, Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, bezeichnete Hooligans als zum „größten Teil politisch indifferent“. Auch Bundesjustizminister Heiko Maas strapazierte in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ zunächst die üblichen Klischees: „Hooligans sind nicht politisch. Hooligans sind asozial. Sie treffen sich zum Prügeln, und sie trinken viel dabei.“[3]

„Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“, lautet denn auch die Losung der Szene-Combo „Kategorie C“, die in ihrem Bandnamen affirmativ eine Klassifizierung der polizeilichen „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) übernimmt. Die „Kategorie C“ umfasst dort die „gewaltsuchenden Fans“. Laut dem aktuellen Jahresbericht der ZIS sind rund „400 Personen (ca. 3,3 Prozent) der bundesweit erfassten ‚Gewalttäter Sport’ dem rechtsmotivierten und ca. 120 Personen (ca. 1,0 Prozent) dem linksmotivierten Bereich zuzurechnen.“[4]

Auf der Kölner Demonstration wurde jedoch deutlich, dass das Umfeld der rechtsmotivierten Gewalttäter weitaus größer ist – und dass die Sphären Fußball und Politik nicht voneinander zu trennen sind.

Angemeldet wurde die Demonstration von Dominik Roeseler, dem stellvertretenden Landesvorsitzenden der rechten Kleinpartei Pro NRW, deren Vorstand sich von dem Aufmarsch vorab distanzierte. Auf der Kölner Kundgebung zeigten sich auch rechtsextreme Szenegrößen wie Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt. Der führende Kopf der „Borussenfront“ sitzt gleichzeitig für die Kleinpartei „Die Rechte“ in der Bezirksvertretung der Dortmunder Innenstadt-Nord. Die Mitglieder dieser parteiförmigen Nachfolgeorganisation der in NRW weitgehend verbotenen neonazistischen „Kameradschaften“ waren prominent vertreten. Auch die Präsenz von NPD-Funktionären und Aktivisten der Autonomen Nationalisten dokumentiert die rechtsoffene Ausrichtung der Hogesa.

Gleichwohl ist nicht jeder Hooligan ein Neonazi oder bereit, diese Politisierung zu unterstützen: In Hannover distanzierten sich beispielsweise Hooligans und Ultras von Hannover 96 gemeinsam von der Nachfolgedemonstration der Hogesa, die am 15. November stattfand. Allerdings sind die Verbindungen zwischen dem Hooliganismus und dem Lager der extremen Rechten traditionell sehr eng. Schon in England, wo sich die Hooligans seit Ende der 1970er Jahre spektakuläre Schlachten in den Fußballstadien lieferten, hatten Mitglieder der British National Party oder der National Front maßgeblichen Einfluss auf die vermeintlich „unpolitische“ Szene.

Jahrzehntelang repräsentierten die Hooligans das gewalttätige Gesicht des Fußballs. Für vorläufige Zäsuren sorgten die Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion 1985 sowie der von deutschen Hooligans verübte Überfall auf den Polizisten Daniel Nivel während der Weltmeisterschaft in Frankreich 1998. 39 Tote waren in Brüssel die Folge einer von gewalttätigen Anhängern des FC Liverpool ausgelösten Massenpanik. Für fünf Jahre blieben englische Fußballvereine damals aufgrund des „English Disease“ genannten Hooliganismus von allen europäischen Wettbewerben ausgeschlossen. Auch in Deutschland gerieten die Fanszenen verstärkt ins Visier der Polizei, die Sicherheitsarchitektur in den Stadien wurde zunehmend verschärft. Die Hooligans verschwanden aus der öffentlichen Wahrnehmung. In England ist die Szene heute eine eher anachronistische Erscheinung, deren Mythos in Filmen und Romanen beschworen wird. In Deutschland hingegen organisierten sie in den letzten Jahren neben den Massenschlägereien Konzerte mit „Kategorie C“ und waren nach wie vor „in der Sache vereint“ bei den Spielen der DFB-Auswahl anzutreffen. Insofern war die gruppenübergreifende Verbrüderung in Köln nicht szeneuntypisch. Aus den Stadien waren die „Firms“ und „Mobs“ – so die Selbstbezeichnung der Hooligans – zudem nie völlig verschwunden.

Fußballfans als politische Akteure

Wer den Hooligans den Fanstatus abspricht, verkennt deren Verankerung in den Vereinen, in denen sie Kontakte zu Spielern, Funktionären oder zum Ordnungsdienst kultivieren und nicht selten als Respektspersonen der Fanszene gelten. In den letzten Jahren haben die Hooligans ihre langjährige Rolle als Veteranen vergangener Schlachten aufgegeben. Gerade in nordrhein-westfälischen Städten wie Aachen, Duisburg, Dortmund oder Düsseldorf lieferten sie sich einen zum Teil politisierten Fankulturkampf mit antirassistischen Ultragruppierungen, deren Choreographien, Sambatrommeln und lateinamerikanisch inspirierten Gesänge nicht nur den Hooligans als Bruch mit den klassischen Fangesängen erscheinen. Die Übergriffe der Hooligans auf die Abweichler zielten darauf ab, die alten Normen wiederherzustellen und die Hegemonie im Kampf um die Kurve zu erringen – und dieser Kampf ist zumindest subkutan politisch.

Die aktive Rolle der Fußballfans wurde lange verkannt: „Die Tore auf dem Fußballfeld sind die Eigentore der Beherrschten“ – dies war lange Zeit das Leitmotiv linker Fußballkritik.[5] Fußballfans sind jedoch nicht nur passive Zuschauer, sondern mehr denn je kreative und politische Akteure, die – wie die Ultras – die Kunst des Eigensinns im Stadion kultivieren. Fußballstadien sind nach Michael Gabriel, dem Leiter der Frankfurter „Koordinationsstelle Fanprojekte“ (KOS), die „größten Jugendhäuser der Republik“.[6] Sie sind zudem politische Handlungsräume, in denen um Partizipation und Präsentation gerungen wird. Kritische Fans richten sich gegen die Vereinspolitik, gegen Stadionverbote oder die „Kommerzialisierung“ des Fußballs. Initiativen wie das „Bündnis aktiver Fußballfans“ (B.A.F.F.) oder die „Schalker Faninitiative e. V.“ (zuvor „Schalker gegen Rassismus“) agieren seit den 1990er Jahren als gesellschaftspolitische Frühwarnsysteme, lange bevor der DFB „Diversity“ auf seine Agenda setzte.

Ein Glanzstück deutscher Fanpolitik wurde im Oktober 2014 sogar mit dem Julius-Hirsch-Preis des DFB ausgezeichnet: Mit beeindruckenden Stadionchoreographien und selbst organisierten Fußballturnieren erinnerte die Münchner Ultragruppierung „Schickeria“ an den ehemaligen Vereinspräsidenten Kurt Landauer und die jüdischen Traditionen des FC Bayern. Mit diesem Preis wurde die zuvor durchaus umstrittene Ultragruppierung Teil der offiziellen deutschen Fußballkultur.

Dagegen sind die Hooligans die Antithese der politischen Korrektheit im deutschen Fußball. Ihre Politik ist im strengen Sinne eine Anti-Politik, die sich dem hegemonialen Diskurs verweigert: „No One Likes Us, We Don‘t Care“, hieß es schon in den späten 1970er Jahren im für seine Hooligans berühmt-berüchtigten Stadion des FC Millwall im Londoner Südosten. Das Diskussionsforum auf hogesa.info variiert dieses Motiv der Verweigerung: „Wenn.Sie.Dich.Hassen.Dann.Hast.Du.Was.Erreicht.“

Im Stadion waren die antirassistischen Ultragruppen in den letzten Jahren ihr politischer Gegner. Deren Auftritt gilt den stilkonservativen, ja reaktionären Hooligans als entartete Zumutung. Nicht selten kommt auch aus den Vereinen der Vorwurf, dass die Ultras die „Politik ins Stadion gebracht“ hätten. Dabei haben sie nur auf bereits vorhandene politische Prozesse reagiert. Überall, wo der Fankulturkampf zwischen Hooligans und Ultras beobachtet werden konnte, verdichteten sich Hinweise auf bereits lange existierende Allianzen zwischen gewaltsuchenden Fußballfans und Rechtsextremisten. Nicht ohne Grund: Gerade der Habitus der Hooligans bietet zentrale Anschlussmöglichkeiten für die Ideologie der extremen Rechten.

Der politische Habitus der Hooligans

Zentrales Element der Selbstinszenierung der Hooligans ist die Präsentation des eigenen Körpers. Ob im Stadion oder auf einem Konzert von „Kategorie C“ – das Zurschaustellen des tätowierten, mit Vereinssymbolen übersäten nackten maskulinen Oberkörpers ist ein politisches Statement, auch wenn sich diese Dimension dem Performer mitunter entzieht. Die historisch zumeist aus der unteren Arbeiterschaft stammenden Hooligans zeigen demonstrativ, was durch die hochtechnologische Produktionsweise im transnationalen Hightech-Kapitalismus alltäglich entwertet wird: den eigenen Körper. Im Stadion als Element einer Drohkulisse inszeniert, wird der auch durch neue Geschlechterrollen in Frage gestellte männliche Körper während eines Platzsturms oder in den Kampfwettbewerben zur Waffe. Es sind diese Rituale und diese starre Betonung der „alten Werte“ wie Disziplin, Tradition, Siegenwollen und Kampf, die den Hooliganismus für die extreme Rechte anschlussfähig machen.

Auf Konzerten von „Kategorie C“ sieht man ein enthemmtes Männerrudel Pogo tanzen und Schläge austeilen. Die Alltagspatina wird durch den Bierregen runtergespült, die Textzeilen der Band werden mitgegrölt. Der Sänger singt seine Lieder nicht nur, er röchelt, schreit, grunzt. Das rollende „r“ klingt beinahe wie eine Persiflage alter Nazifilme, die Lieder propagieren die Sehnsucht nach dem Stahlgewitter: In „So sind wir“ wird die „Fußballkeilerei“, wird das sich „gegenseitig auf die Schnauze schlagen“ gepriesen. „Kategorie C“ bietet eine trashige Ästhetisierung der Gewalt. Die Negativ-Identität der Hooligans kommt in „Ha Ho He“ prägnant zum Ausdruck: „Wir scheißen drauf / was andere sagen / Wir bleiben, wie wir sind.“

Hooligans präsentieren sich im Stadion ebenso wie auf der Kölner Demonstration mit dem atavistischen Schlachtruf „Ahu!“ – ein popkulturelles Zitat aus dem Film „300“. Ihr Auftritt als „Mob“ erinnert an tribalistische Stammeskriege. Der Ehrentitel des „Schlachtenbummlers“, mit dem Fans auf Auswärtsfahrten bezeichnet werden, erhält hier eine entscheidende Bedeutungsverschiebung. Die Hooligans gerieren sich als Kämpfer und kultivieren mit ihren Männlichkeitsinszenierungen „plebejische“ Rituale: Fußball, Bier, laute Rockmusik und eine schöne Prügelei. Hooligans knüpfen dabei habituell an eine Deutungsmöglichkeit des Fußballs an, die mit den zur Kunstform erhobenen Versionen des Ballsports radikal bricht. Sie interpretieren Fußball als Krieg. „Wir“ kämpfen erbittert gegen „die Anderen“ – frei und bierernst nach dem vielzitierten Motto der Liverpooler Trainerlegende Bill Shankley, wonach Fußball keine Frage von Leben und Tod sei – sondern sehr viel wichtiger.

Hooligans golfen nicht

Hooligans sind ein Phänomen des Fußballs, nicht des Synchronschwimmens. Hooligans golfen nicht. Ihre Variante des Fair Play besteht im idealen Fall darin, in der „dritten Halbzeit“ niemanden zu treten, der bereits auf dem Boden liegt. Ihr Spiel auf den Rängen spiegelt eine verdrängte Dimension der Fußballkultur wider – ebenso wie das brutale Tackling beim Spiel auf dem Rasen das Gewaltpotential dieses Sports sichtbar macht. Ihre zentralen Feindbilder – die Salafisten – wirken gerade auf deutschen Straßen wie der eigene Wiedergänger: Junge Männer mit martialischem Auftritt und Dominanzanspruch auf der Suche nach Terraingewinnen.

Wahrscheinlich wird sich der massive Auftritt der Hogesa in Köln so schnell nicht wiederholen. Aufgrund der juristischen Auflagen und einer adäquaten Polizeitaktik blieb schon die Nachfolgedemonstration in Hannover weit hinter den Erwartungen zurück und war faktisch nur eine Propagandaveranstaltung für antiislamische Agitatoren. Ein Fußballbezug war in Hannover nicht festzustellen.

Der Kölner Aufmarsch verdeutlichte dennoch die Dynamik einer noch nicht institutionalisierten Repolitisierung der Hooligans, deren rechtsoffenes Gewaltpotential sich nicht auf die rund 400 bereits aktenkundigen Straftäter aus der ZIS-Datei beschränkt. Um dieser Gefahr wirksam zu begegnen, müssen sich Fußballer, Vereine und Politiker schleunigst vom Mythos des „unpolitischen“ Hooligans lösen. Die Verharmlosung der Hooligans könnte sonst ein überaus böses Nachspiel haben. 

 


[1] Vgl. Olaf Sundermeyer, Chronik eines angekündigten Exzesses, in: FAZ, 29.10.2014. 

[2] Gunter A. Pilz, zit. nach Sabrina Pabst, Hooligans islamfeindlich verbrüdert, www.dw.de, 17.10.2014. 

[3] Vgl. Dirk-Oliver Heckmann, Hooligans und Rechtsextreme. Von Politik und Sport unterschätzte Gefahren, Beitrag im „Deutschlandfunk“, 13.11.2014, www.deutschlandfunk.de. 

[4] Vgl. Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS), Jahresbericht Fußball Saison 2013-14, S. 10, www.polizei-nrw.de. 

[5] Im „Klassiker“: Gerhard Vinnai, Fußballsport als Ideologie, Frankfurt a. M. 1970. 

[6] Hardy Grüne (Hg.), Wenn Spieltag ist. Fußballfans in der Bundesliga, Göttingen 2013, S. 165. 

(aus: »Blätter« 1/2015, Seite 9-12)
Themen: Rechtsradikalismus, Rassismus und Sport

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