Norman Birnbaum: Der rastlose Pilger | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Norman Birnbaum: Der rastlose Pilger

privat Foto: privat

von James K. Galbraith

Norman Birnbaum ist ein großer Chronist: In seinen soeben erschienenen Memoiren bilanziert der „Blätter“-Mitherausgeber nahezu acht Jahrzehnte abgeklärter Auseinandersetzung – falls es so etwas geben kann – mit intellektuell und politisch führenden Köpfen der USA und Europas. Als außergewöhnlich vielseitig interessierter Soziologe hat der 1926 geborene Birnbaum stets versucht, europäische Traditionen kritischen Denkens in Amerika heimisch zu machen, und dabei die einstmals, vor undenklichen Zeiten, die amerikanische Szene beherrschende Selbstgefälligkeit immer wieder herausgefordert. Als ein Progressive, der abwechselnd in die Marxschen und die liberalen Traditionen eintauchte, mag er dem Typus gleichen, den E. P. Thompson einmal als einen „International of the imagination“ beschrieben hat: Er ist also ein Internationaler der Vorstellungskraft, „gleich fern vom Stalinismus wie von jeder Komplizenschaft mit den Begründungen kapitalistischer Machtausübung“.

Birnbaums Haltung wurde erst in Williams und Harvard geformt, danach in London und in Oxford, weiter in Straßburg an Frankreichs deutscher Grenze mit regelmäßigen Ausflügen nach Berlin, Paris und Rom, und schließlich, zurück in den USA, in Amherst. Unterwegs fand er überall mühelos Zugang – zum Weißen Haus, zu französischen Eliten und Revolutionären von 1968 und danach, zu deutschen Dissidenten wie Amtsträgern beiderseits der Mauer, zu italienischen Katholiken und Kommunisten, vor allem aber zu den Salons und High Tables des akademischen Britanniens und der Vereinigten Staaten. In seinen Memoiren lässt Birnbaum die Luft aus der aufgeblasenen Selbstherrlichkeit des Lebens in Harvard und Oxford entweichen. Er bietet scharfsinnige, oft bewundernde, manchmal auch eisig distanzierte Einblicke in die Welt der großen Geister und akademischen Berühmtheiten der Zeit.

Schlagfertige Antworten sind eine seiner Spezialitäten. Ein kleines Beispiel liefert die Begegnung mit dem ostdeutschen Grenzer, der ihm in den späten Tagen der DDR den Einlass nach Ostberlin verweigerte (wegen Normans Angewohnheit, die Dissidentengruppen hinter der Mauer zu besuchen). „Ich fragte ihn, ob er mir sagen könne, warum ich keine Besuchserlaubnis hätte, und er baute sich in seiner vollen, allerdings nicht sehr beeindruckenden Körperlänge vor mir auf: Er sei nicht verpflichtet, solche Fragen zu beantworten. Ich entschuldigte mich in aller Form und erklärte, natürlich hätte mir klar sein müssen, dass sein Dienstgrad nicht hoch genug sei, um die Antwort zu kennen. [...] Er rang um Fassung, riss sich zusammen und wechselte die Tonlage: ‚Bitte.’“. Wenig später war Norman bei einem Dinner des ostdeutschen Botschafters in Washington zu Gast. Ob er sich tatsächlich auf Staatsgebiet der DDR befinde, fragte er da, um dann seine Freude darüber zu bekunden, den einzigen Teil des Landes besuchen zu dürfen, in dem für ihn nicht „Zutritt verboten!“ gelte. „Die anwesenden US-Regierungsvertreter erzählten mir später, sie seien geneigt, mir meine sonstigen Regelverstöße eine Zeit lang nachzusehen.“

Ich kenne Norman seit mindestens fünfunddreißig Jahren, und er selbst kannte noch vorher meine Eltern. Ich verehre ihn, habe ihm ein Buch gewidmet und bin oft bei ihm zuhause – Gespräche mit ihm und seine Gastfreundschaft begeistern mich. Und doch habe ich Norman nicht wirklich gekannt, bevor ich dieses Buch las. Es gab gewiss noch nie einen derart bescheidenen, seiner Stellung in der Welt so wenig gewissen und doch gleichzeitig von so vielen Zeitgenossen so hoch geschätzten Memoirenschreiber.

Er beginnt mit einem Portrait seiner Familie – voll Sympathie für seinen strebsamen Vater, schonungslos der Mutter gegenüber – und seiner High School in Manhattan: „Ich kann nicht sagen, Townsend Harris habe mir gefallen, da es damals überhaupt nichts gab, was mir wirklich gefiel.“ Es folgen der Wechsel nach Williams, eine private Krise, Flucht in die Arbeit beim Office of War Information in New York, schließlich die Rückkehr ins Nachkriegs-Williams und akademischer Erfolg, aber in Maßen und ohne große Leidenschaft oder viel Selbstvertrauen: „Es dauerte Jahre, bis ich begriff, dass unter meinem Ehrgeiz, unter allem Draufgängertum und Verlangen versteckt die Überzeugung lag, dass mir eigentlich nur sehr wenig zustand.“ Dennoch öffneten sich Birnbaum weiterhin viele Türen: Er traf Eleanor Roosevelt 1942 in Campobello und den Kunstkritiker Clement Greenberg auf einer Soirée der „Partisan Review“. Später erlangte er Zugang zur Harvard University und zu solchen Größen wie dem Politikwissenschaftler Sam Beer, John F. Kennedys späterem Nationalen Sicherheitsberater Carl Kaysen oder Henry Kissinger sowie den tonangebenden Soziologen jener Zeit, vor allem zu Talcott Parsons. So sehr Harvard gelegentlich funkelte, dominierte dort doch eine Mischung aus Selbstgewissheit und Konformismus. „Das Beste, was man in eben diesem Augenblick überhaupt dachte und sagte, wurde – glaubten wir – in Harvard gedacht und gesagt. Dabei neigten wir keineswegs zur Nachsicht mit altertümlichen Angebern. [...] Heute erscheint mir bemerkenswert, mit welcher intellektuellen Fügsamkeit wir uns aufführten. [...] Ganz harvardgemäß verstanden wir die Möglichkeit, kritisieren zu dürfen, als Errungenschaft, die wir nicht überstrapazieren wollten.“

1952 ging es von Harvard weiter nach Deutschland, vordergründig zu Forschungen für eine Dissertation über die Reformation, obwohl es doch „alle Bücher und Zeitschriften, die ich brauchte, in Harvard gab, in der Universitätsbibliothek, die viel größer war als irgendeine deutsche. Aber darum ging es nicht.“ Zumindest teilweise ging es darum, hinter das Geheimnis des Nazismus zu kommen. Im weiteren Sinne jedoch betrieb Norman einen Entdeckungs- und Selbstverständigungsprozess, einen Aufbruch. Irgendwie stand das, was Birnbaum in Deutschland vorfand, in einer gewissen Kontinuität mit seiner Harvarderfahrung: jene Mischung aus Anspruch und Verlogenheit im Dienste der Selbstrechtfertigung. Nach 1945 wollte niemand in Deutschland je Nazi gewesen sein! Andererseits fand Norman inmitten der schleunigst wieder aufgebauten Ruinen auch ein Vorbild: Wolfgang Abendroth – Sozialdemokrat, Überlebender nationalsozialistischer Gefängnisse und einer Strafdivision auf Lemnos, aus der er desertiert war, um sich dem griechischen Widerstand anzuschließen, und mittlerweile auf einem politikwissenschaftlichen Lehrstuhl in Marburg gelandet. Über Abendroth schreibt Birnbaum: „Er verstand die Gewöhnlichkeit des gewöhnlichen Lebens, die Zwänge von Anspruch und Wirklichkeit. Er konnte auch über Wichtigtuerei und Eitelkeit lachen und spottete über die Rigidität eines Großteils der gesellschaftlichen Konvention. Das waren Vorzüge, die ich später bei Henri Lefebvre und Herbert Marcuse wiederfand. Alle drei waren Künstler, die aus vertrauten Alltagsmaterialien eine mögliche Welt schufen. Die Menschheit, die ihnen vorschwebte, unterschied sich sehr von derjenigen, an der sie tagtäglich Maß nahmen.“ Ziemlich das Gleiche lässt sich von Norman sagen.

Den Marxismus modernisieren

Von Deutschland aus ging es weiter zu einem Lehrauftrag an der London School of Economics, wo man Birnbaum allerdings unter Wert einstufte. Er fand sich in einem ziemlich trostlosen grauen Nachkriegslondon wieder und lernte die eigentümliche Wissenschaftsszene Britanniens kennen, in der „ein Mensch unter Vierzig zu bescheiden sein sollte, ein Buch zu schreiben, und einer über Vierzig zu stolz, dergleichen nötig zu haben.“ Und doch stachen aus diesem monotonen Einerlei gewichtige und einflussreiche Gestalten hervor: Ernest Gellner, Ralf Dahrendorf, Eric Hobsbawm, Ralph Miliband. Ein Projekt, „den Marxismus zu modernisieren“ schälte sich heraus. Möglich wurde das an „einem nicht gänzlich unsichtbaren und gewiss nicht leicht zu überhörenden großen internationalen College“, befreit nicht nur von den nüchternen Fesseln der britischen Sozialphilosophie, sondern auch von der „schrankenlos ausschweifenden amerikanischen Einbildung, mit ihrem imperialen Selbstbild der Vereinigten Staaten als des neuen Herrn über Raum und Zeit“. Das Projekt umfasste auch Zeitschriften wie die „New Left Review“ (zu deren Gründungsherausgebern Birnbaum zählt) und die Schaffung einer Soziologie für die Nachkriegszeit. Als man ihn irgendwann fragte, was ihn denn dazu qualifiziere, nach dem neuen Soziologie-Curriculum in Oxford zu unterrichten, antwortete er: Vielleicht die Tatsache, dass er selbst es geschrieben habe. Später jedoch sah er sich als „Gefangenen der Kategorien einer kritischen Soziologie“. Diese Ambivalenz verliert sich nie ganz und gar.

Bei einem sommerlichen USA-Besuch erlebt er lehrstückhaft jene „schrankenlos ausschweifende amerikanische Einbildung“: „In Harvard gab es Geld dafür, einen herausragenden Europäer zu einem einjährigen Lehrauftrag einzuladen. Ein Assistent McGeorge Bundys, des damaligen Dekans, bat mich um Vorschläge. Ich nannte Sartre. Mein Gesprächspartner, Michael Maccoby, wandte ein, Sartre spreche kein Englisch. Da niemand in Harvard zugeben würde, kein Französisch zu verstehen – erwiderte ich –, würden Sartres Vorlesungen umso mehr Zulauf finden. Maccoby deutete an, Sartres politische Ansichten könnten hinderlich sein; er stand ja nicht gerade in der vordersten Reihe der Atlantiker Europas. Um so besser, meinte ich: Es wäre eine amerikanische Geste gegenüber den Europäern. Maccoby [...] straffte sich und verkündete: ‚Harvard macht keine Gesten.’“

Im Buch stoßen wir immer wieder auf pointierte Urteile über Sprachrohre des intellektuellen Journalismus. „Die ‚Partisan Review’“, heißt es da, „hielt ziemlich energisch an ihrer pauschalisierenden Aggressivität und permanenten Entrüstungsbereitschaft fest. Das Problem war nicht mehr der Kapitalismus. [...] Das Ärgernis besteht jetzt darin, dass das Kapital nicht für die richtige Sorte von Kulturgütern aufkommt.“ „‚Dissent‘“, lesen wir, „war das Werk unversöhnlicher amerikanischer Progressives [...] hartnäckiger demokratischer Sozialisten.“ Als der britische „Encounter“ einen amerikakritischen Artikel von Dwight MacDonald ablehnte, stellte Birnbaum in einem offenen Brief die Frage, wer den verantwortlichen „Congress for Cultural Freedom“ finanziere.[1] „Ich war nicht der Erste“, heißt es in den Memoiren, „der das tat, und meine eigene Publikationsbilanz war nicht makellos. Ich selbst hatte 1958 einen Artikel im ‚Encounter’ veröffentlicht [...] und wie mager das Honorar auch ausgefallen sein mag, so war ich doch selber Nutznießer geworden, wo auch immer die ‚Congress’-Mittel herkamen.“ Normans Frage blieb unbeantwortet, bis 1967 offenbar wurde, dass die CIA dahinter steckte.

Von der London School of Economics zog Birnbaum nach Oxford weiter, wo er einmal mehr unter ungünstigen Bedingungen anfing. Oxford war – der Hinweis möge genügen – eine Art Harvard in groß und altertümlich, ein „akademisches Disneyland“, dessen Alltagsgeschäft darin bestand, die herrschende Klasse auszubilden. Für Frauen war es (selbstredend) ein Schreckensort, insbesondere für Professorengattinnen, die allein zuhause blieben und nicht einmal auf „Abenteuer“ ausgehen konnten – weil, wie es hieß, alle Männer „in College“ waren. Birnbaums Karriere in Oxford scheiterte zum Teil an Isaiah Berlin, der Versprechungen machte, aber nicht einhielt. „Isaiah stand im Ruf eines Weisen [...], dessen Weisheit moralische Dimensionen einschloss, die weit über seine intellektuellen Fähigkeiten und wissenschaftlichen Leistungen hinausgingen. Die letzteren waren zweifellos enorm, doch was seine menschlichen Qualitäten im Allgemeinen angeht, erscheint mir ein gewisses Maß an Zweifel gerechtfertigt.“

Wachtposten des demokratischen Sozialismus

Zurück in den USA ging Birnbaum nach Amherst, und jetzt wird die Story mindestens so politisch wie akademisch. Es war der Herbst 1968. Repräsentant der herrschenden Klasse war in Amherst dessen Kuratoriumsvorsitzender John J. McCloy, Präsident der Chase Bank und des „Council on Foreign Relations“, Anführer des Establishments: „The Chairman“ eben, wie die denkwürdige Formulierung des Journalisten Richard Rovere lautet. Über diese Klasse schrieb Birnbaum damals: „Sie war inkompetent. Wer sonst konnte ein Imperium gewinnen und dann, wie in Vietnam, losziehen, um es zu verlieren? Sie war auf mörderische Weise scheinheilig. Obendrein hatte sie, anders als ihr britisches Gegenstück, weder Manieren noch Stil. Schließlich was es nicht gerade üblich, diejenigen, die man sich als tüchtige Dienstboten wünschte, zu kränken.“ McCloy verlangte, dass Amherst und Birnbaum sich entschuldigten, was nicht geschah, woraufhin er das Kuratorium des Colleges alsbald verließ. Der Vietnamkrieg und Richard Nixon kamen und gingen. Schließlich hatte Birnbaum von Amherst genug und zog weiter nach Washington und Georgetown. Dort ist er geblieben, ein Wachtposten des demokratischen Sozialismus in einer imperialen Hauptstadt, die unter intellektuellem und moralischem Verfall leidet.

Seine internationalen Verbindungen, die Norman bis heute pflegt, umspannten in der Periode des Spätkommunismus Ost und West. In seinem politischen Engagement hielt er ebenso Abstand vom Kapitalismus eines Ronald Reagan wie vom Staatskapitalismus Leonid Breschnews oder (schlimmer) Erich Honeckers. Budapest beispielsweise besuchte er, um Georg Lukács zu treffen, der 1956 überlebt hatte, möglicherweise wegen seiner Verbindungen in den Westen, vielleicht aber auch, weil die Herrschenden „entschieden haben mochten, dass seine über die Maßen verdichtete Prosa niemanden auf die Straße treiben“ würde.

Nirgends in all diesen Geschichten und Vignetten verlässt Birnbaum sein Sinn für die Komplexität, für die je eigenen Züge, die das politische und gesellschaftliche Leben allerorten trägt. Diese Sensibilität erlangte er vielleicht zuerst als jüdischer Amerikaner im Nachkriegsdeutschland der frühen 1950er Jahre. Er lässt uns zurück mit der Frage, die ein Münchner Karikaturist 1989 einem ostdeutschen Grenzer in den Mund legt: „Wahnsinn! Siehst Du den diesen bärtigen Demonstranten da drüben“, ruft der seinem Kollegen zu, der ebenfalls durch seinen Feldstecher auf die Mauer starrt. „Ist er nun auf deren Seite, also ein mutiger Friedensfreund? Oder auf unserer und ein gefährlicher Staatsfeind?“

In Norman Birnbaums Fall lautet die Antwort natürlich: beides.

 

Norman Birnbaum: From the Bronx to Oxford and Not Quite Back. Washington, D.C., New Academia Publishing 2018, 722 Seiten. 

Copyright: Dissent Magazine, Übersetzung: Karl D. Bredthauer

 

 


[1] Vgl. Norman Birnbaum, Should We Abolish the CIA?, in: „Dissent“, 9.7.2014.

(aus: »Blätter« 4/2018, Seite 119-123)
Themen: Geschichte, Kultur und USA

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