Sehnsuchtsort der Neuen Rechten: Die Potsdamer Garnisonkirche | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Sehnsuchtsort der Neuen Rechten: Die Potsdamer Garnisonkirche

Public Domain Foto: Public Domain

von Matthias Grünzig

Es ist eines der wichtigsten und zugleich umstrittensten deutschen Bauprojekte der jüngeren Geschichte: der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam. Schon 2013 bezeichnete der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien das Projekt als „national bedeutsame Kultureinrichtung“ und bedachte es mit einem Bundeszuschuss von zwölf Mio. Euro. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier untermauerte 2017 dessen Bedeutung noch, indem er die Schirmherrschaft über den Wiederaufbau übernahm. Am 29. Oktober 2017 wurde schließlich mit dem Bau begonnen.

Allerdings wird um die Neuerrichtung schon seit Jahren erbittert gekämpft. Während die „Stiftung Garnisonkirche Potsdam“ und die „Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ das Projekt vorantreiben, blicken Kritiker wie die Initiativen „Potsdam ohne Garnisonkirche“ und „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ sowie die Martin-Niemöller-Stiftung auf das Projekt mit Unverständnis und Entsetzen.

Der Streit hat vor allem mit der geschichtspolitischen Brisanz des Vorhabens zu tun. Die Potsdamer Garnisonkirche war bis zu ihrer Zerstörung 1945 nicht nur ein Gotteshaus, sondern ein politischer Symbolbau ersten Ranges.[1] Sie wurde von 1730 bis 1735 durch den „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. erbaut und war bereits bei ihrer Einweihung keine „normale“ Kirche. Vielmehr war sie die einzige Kirche in Preußen, die direkt dem König unterstellt war. Hier fand eine Form der Religionsausübung statt, die bis ins kleinste Detail durch den Regenten geregelt wurde. Diese Unterordnung sollte bis zum Ende des Kaiserreiches Bestand haben. In der Garnisonkirche predigten handverlesene Hofprediger den bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Kaiser, den Kampf bis zum letzten Blutstropfen, den Hass auf andere Völker, vor allem auf die Franzosen. Eine wachsende Rolle spielte die Diffamierung von demokratischen, liberalen und sozialdemokratischen Kräften, die als Mörder, Brandstifter und Diebe verunglimpft wurden. Zudem diente die Garnisonkirche als eine Ruhmeshalle der preußischen und deutschen Armee. Hier wurden die in den Krieg ziehenden Regimenter gesegnet, hier wurde während des Krieges für den Sieg gebetet, und nach gewonnenen Schlachten fanden hier Siegesfeiern statt. Kurzum: Die Garnisonkirche war ein Identifikationsort des rechten Lagers.

Der Sturz des Kaisertums nach 1918 tat der Bedeutung der Garnisonkirche keinen Abbruch. Im Gegenteil: Sie avancierte gar zum Symbolbau der extremen Rechten schlechthin. Die Kirche übte eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf Nationalisten, Militaristen und Antisemiten aller Couleur aus. Diese Attraktivität resultierte schon allein daraus, dass sie ein monumentales Gebäude war, in dem man öffentlichkeitswirksam Machtansprüche anmelden konnte. Der 88 Meter hohe Turm, das höchste Bauwerk Potsdams, dominierte die Stadtsilhouette. Seine Architektur huldigte unverkennbar der militärischen Stärke Preußens. Die Fassaden waren mit Reliefdarstellungen von Waffen übersät, auf den Gesimsen prangten Siegestrophäen. Hier konnte man sich der Vorstellung hingeben, die alte Machtstellung des Militärs sei ungebrochen.

Überdies spielte die Garnisonkirche in der Weimarer Republik eine zentrale Rolle im symbolischen Konflikt zwischen zwei politischen Mythen: Die republikanischen Kräfte beriefen sich auf den „Geist von Weimar“, also den Geist der Weimarer Klassik, der mit Demokratie, Liberalität, einer friedlichen Außenpolitik und der Abkehr vom preußischen Militarismus verbunden wurde. Dieser Geist wurde auf der ersten Sitzung der Deutschen Nationalversammlung in Weimar am 6. Februar 1919 durch den Sozialdemokraten Friedrich Ebert begründet. Auch später spielte der „Geist von Weimar“ eine zentrale Rolle, immer wieder wurde er auf Veranstaltungen demokratischer Organisationen beschworen.

Die Rechtsextremisten setzten dem den „Geist von Potsdam“ entgegen. Dieser beruhte auf einer Idealisierung Preußens während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs II., also von 1713 bis 1786. Er stand für eine autoritäre Herrschaft, für ein starkes Militär und für kriegerische Eroberungen. Die Garnisonkirche galt als Tempel dieses „Geistes von Potsdam“. Wie kaum ein anderes Gebäude in Deutschland wurde sie deshalb von Rechtsextremisten verehrt und entwickelte sich zu einer Wallfahrtsstätte für rechtsextreme Organisationen. Dort versammelten sich die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), der „Stahlhelm“-Bund der Frontsoldaten, der Reichskriegerbund „Kyffhäuser“ oder der Alldeutsche Verband. Und ebendort fand am 24. November 1919 eine symbolträchtige Gegenveranstaltung zur Gründung der Weimarer Republik statt. Organisiert wurde sie von der DNVP, als Hauptredner trat Erich Ludendorff auf. Der Weltkriegsgeneral rechnete nicht nur mit der jungen Republik ab, er entwickelte auch eine Zukunftsvision, die auf die Errichtung einer Militärdiktatur hinauslief. Von diesem 24. November 1919 führt ein roter Faden zum berüchtigten „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, als Hitler und Hindenburg in der Garnisonkirche das Dritte Reich aus der Taufe hoben. Dazwischen lagen unzählige Veranstaltungen, bei denen die Demokratie verteufelt, gegen andere Völker gehetzt und zu einem neuen Krieg aufgerufen wurde.

Eine ähnlich bedeutsame Rolle spielte die Potsdamer Garnisonkirche auch während der NS-Zeit. Sie avancierte zu einer Weihestätte der NSDAP und anderer nationalsozialistischer Organisationen. Zudem bildete die Garnisonkirche das Zentrum der nationalsozialistischen Wehrmachtsseelsorge, in dem der Zweite Weltkrieg psychologisch vorbereitet wurde. Hier wirkte mit Werner Schütz ein wichtiger Nazi-Theoretiker, der schon 1937 einen „totalen Krieg“ propagierte.

Preußen als Vorbild

Diese Geschichte verleiht dem Wiederaufbauprojekt eine besondere Sprengkraft, vor allem, weil sie auch heute noch virulent ist. Denn die Garnisonkirche ist erneut zum Sehnsuchtsort für rechtsgerichtete Kreise avanciert. Wer im Internet Diskussionen zum Thema Garnisonkirche verfolgt, der erlebt eine wahre Sturzflut an rechtsradikalen und geschichtsrevisionistischen Statements. Mit großer Leidenschaft werden geschichtspolitische Debatten geführt, die weit über das eigentliche Bauwerk hinausreichen. Dabei taucht immer wieder die zentrale Vorstellung auf, Deutschland werde von einer linken Verschwörung beherrscht, die den Deutschen ihren Stolz nehmen und einen „Schuldkult“ betreiben würde. Dementsprechend gilt das Wiederaufbauprojekt in einschlägigen Kreisen als Zeichen für eine erinnerungspolitische Wende. Mehr noch: Im Zusammenhang mit der Garnisonkirche haben sich konsistente Argumentationsmuster herausgebildet, die ständig wiederholt werden und dadurch eine nicht zu unterschätzende Wirkmächtigkeit erfahren. Es handelt sich um Formulierungsversuche einer neurechten Ideologie, die sich nicht mehr auf das Dritte Reich bezieht, sondern eher das alte Preußen und das deutsche Kaiserreich verherrlicht.

Die große Stärke der Garnisonkirche besteht aus rechter Sicht in der Vielschichtigkeit ihrer Geschichte. Sie war eben nicht nur eine Wallfahrtsstätte der NSDAP, sondern mit verschiedenen rechtsextremen und antidemokratischen Strömungen verbunden. Genau das macht sie für eine Neue Rechte attraktiv, die nach Anknüpfungspunkten jenseits der allgemein diskreditierten NSDAP sucht. Die Garnisonkirche bietet folglich eine ideale Projektionsfläche für antidemokratische und autoritäre Sehnsüchte. Mit ihr können sich Preußenfans genauso identifizieren wie Nationalisten und Anhänger autoritärer Herrschaftsformen.

Dass diese Haltungen nicht nur auf das Internet beschränkt sind, beweist der Aufstieg der AfD, die genau diese Positionen bedient. So forderte der AfD-Politiker Björn Höcke im Januar 2017 in seiner vielbeachteten „Dresdner Rede“ eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Auch Höcke wittert eine deutschlandfeindliche Verschwörung, „die unser liebes deutsches Vaterland wie ein Stück Seife unter einem lauwarmen Wasserstrahl“ auflösen wolle. Weiter heißt es bei ihm: „Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen deutschen Städte wollte man nichts anderes als uns unsere kollektive Identität rauben. Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft.“ Das Gegenmodell sieht Höcke im alten Preußen: „Ich möchte, dass ihr euch im Dienst verzehrt. Ja, ich möchte euch als neue Preußen.“ Daher begreift er Rekonstruktionsprojekte wie die Garnisonkirche auch als einen verheißungsvollen Beginn: „Es geht darum, den neu entstandenen Fassaden, hier in Dresden, aber auch Potsdam [...] einen neuen, würdigen Geist einzuhauchen. Es ist der Geist eines neuen, ehrlichen, vitalen, tief begründeten und selbstbewussten Patriotismus.“

Unausgegorene Konzepte

Wie reagieren nun die Stiftung Garnisonkirche Potsdam (SGP) und die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche (FWG) auf diese Einlassungen? Sie versprechen zwar eine ungeschönte Aufarbeitung und Darstellung der Geschichte des Ortes. Zugleich aber vermitteln ihre Veröffentlichungen ein stark geschöntes Geschichtsbild, bei der negative Kapitel einfach ausgeblendet werden.[2] So findet man auf der Homepage von SGP und FWG nichts zur Rolle der Garnisonkirche während der Kaiserzeit und nichts zur rechtsextremen Nutzung während der Weimarer Republik. Ein Onlineangebot zur Geschichte der Kirche beschäftigt sich nur mit der Zeit nach 1945. Zu anderen Kapiteln werden sogar regelrechte Unwahrheiten verbreitet, etwa zur Rolle im Dritten Reich. So heißt es, die Garnisonkirche sei „keine Stütze des Regimes“ gewesen.

Überdies mangelt es dem Projekt selbst an den einfachsten strukturellen Voraussetzungen für eine verantwortungsbewusste Geschichtsvermittlung: Im Haushaltsplan der SGP für 2020, also nach der geplanten Fertigstellung des Turmes, wurde dafür beispielsweise kein Cent eingeplant. Das Budget enthält weder Gelder für qualifiziertes Fachpersonal noch für Veranstaltungen und Ausstellungen. Darüber hinaus fehlen Strukturen, die für einen dermaßen wichtigen Gedenkort eigentlich Standard sind, etwa ein wissenschaftlicher Beirat. Auch besteht kein Austausch mit anderen Erinnerungsorten, Vertretern von NS-Opfern oder Fachleuten für Erinnerungskultur. Insgesamt ist die konzeptionelle Arbeit an diesem herausragenden Geschichtsort erstaunlich wenig fundiert.[3]

Folgerichtig gibt es im Nutzungskonzept kaum Hinweise darauf, wie eine Instrumentalisierung der Garnisonkirche durch rechte Kreise verhindert werden soll. Zu den Verbrechen, die von der Garnisonkirche ausgingen, finden sich vor allem wolkige Formulierungen. Die Rede ist von der „Not und Zwiespältigkeit menschlicher Existenz“, von der „Fehlstelle im menschlichen Herzen, das Gut und Böse zu kennen meint und die Unergründlichkeit und Zweideutigkeit des Menschen nicht wahrhaben will.“[4] So entsteht der Eindruck, deutsche Verbrechen sollten verharmlost und relativiert werden.

Passend dazu fallen die Protagonisten des Wiederaufbaus immer wieder durch irritierende Äußerungen auf, die durchaus Anknüpfungspunkte für rechte Ideologien bieten. Ein Beispiel ist der „Ruf aus Potsdam“, der 2004 von der FWG initiiert wurde. In diesem heißt es: „Der Zweite Weltkrieg war bereits entschieden, als ein Luftangriff am 14. April 1945 die Potsdamer Mitte in Trümmer legte. Die berühmte Hof- und Garnisonkirche fing Feuer und brannte aus.“

Deutsche als Opfer

Das erweckt den Eindruck, der britische Luftangriff auf Potsdam sei ungerechtfertigt und verwerflich gewesen. Unerwähnt bleibt, dass Potsdam eine militärisch bedeutende Garnisonsstadt war, die noch 1945 zur Festung erklärt wurde und nach dem Willen des NS-Regimes „bis zum letzten Blutstropfen“ verteidigt werden sollte. Stattdessen wird sogar von der „Hinrichtung“ der Kirche gesprochen. Dies leistet all jenen Vorschub, die Deutschland und die Deutschen vor allem als Opfer und nicht als Verursacher von Verbrechen sehen wollen.

Als problematisch erweist sich in dieser Hinsicht auch die überwiegende Finanzierung des Projekts durch Spenden. SGP und FWG betreiben eine Akquise, die vor allem dessen positive Seiten herausstreicht und den Kirchturm als attraktiven Aussichtspunkt und Touristenmagnet anpreist. Doch kann ein solches Gebäude allein wirklich eine Ahnung davon vermitteln, dass an diesem Ort entsetzliche Dinge geschehen sind? Es besteht die reale Gefahr, dass die Strahlkraft eines makellosen Turmes jede Debatte über die Geschichte überlagert.

All dies bestärkt das Misstrauen der Aufbaukritiker. Sie fürchten, der Wiederaufbau der Garnisonkirche, so wie ihn SGP und FWG planen, werde eben keinen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte leisten, sondern vielmehr der Glorifizierung altpreußischer und antidemokratischer Traditionen dienen. Tatsächlich könnten darüber neurechte Ideen mehr und mehr in den Mainstream vordringen. Der Wiederaufbau der Garnisonkirche droht damit sogar zum Katalysator für eine geschichtspolitische Wende in der Bundesrepublik zu werden.

 


[1] Vgl. Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017.

[2] Martin-Niemöller-Stiftung Projektgruppe „Geschichtsort ehemalige Garnisonkirche Potsdam“, Die Geschichtsvermittlung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam und der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche, Wiesbaden 2017.

[3] Martin-Niemöller-Stiftung Projektgruppe Geschichtsort Garnisonkirche Potsdam, Geschichte erinnern? – das Nutzungskonzept der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, Wiesbaden 2017.

[4] Vorlage der Kirchenleitung betreffend Darlehen der Landeskirche an die Stiftung Garnisonkirche zur Schließung der Finanzierungslücke zur Wiedererrichtung des Turms der Garnisonkirche Potsdam, für die Landessynode der EKBO, 8./9.4.2016, S. 3.

(aus: »Blätter« 1/2018, Seite 21-24)
Themen: Rechtsradikalismus, Geschichte und Kultur

top