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Der Philosoph der Entängstigung

Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag

imago images / photothek Foto: imago images / photothek

von Heribert Prantl

Am 18. Juni begeht Jürgen Habermas, seit 1998 zu unserer großen Freude Mitherausgeber der »Blätter«, seinen 90. Geburtstag. Vor zehn Jahren gratulierten ihm in den »Blättern« (fast) alle seine ehemaligen Assistenten und viele enge Mitstreiterinnen und Mitstreiter (siehe »Theorie und Praxis. Jürgen Habermas zum 80.«, in: »Blätter«, 6/2009, S. 39-88).
In diesem Jahr übernimmt diesen Part mit Heribert Prantl die wohl wichtigste linksliberale Stimme im deutschen Journalismus. – D. Red.

In der Theorie des kommunikativen Handelns, die einen zentralen Teil der wissenschaftlichen Arbeit des Jürgen Habermas ausmacht, spielt das Lachen keine Rolle – obwohl man das Lachen nicht, wie das mit seinen philosophischen Werken geschehen ist, in vierzig Sprachen übersetzen müsste. Auf keine andere Weise funktioniert Verständigung so schnell, so gründlich und so voraussetzungslos wie auf diese Weise. Das Lachen ist ein Diskurs ganz eigener Art, es hat kommunikative Kraft und ansteckende Macht. 

Das Lachen ist zwar, so sagt es die neuere Logik und die analytische Philosophie, keine Aussage. Aber sie ist eine „Äußerung“ – einem Ausruf wie „Aua!“ vergleichbar. Aussagen können danach wahr oder falsch sein, Äußerungen nicht. Deshalb heißt es, dass sich Diskurse nur aus Äußerungen zusammensetzen. Das aber wird der Sinnhaftigkeit des Lachens nicht ganz gerecht. Also soll hier der diskursiven Bedeutung des Lachens Raum gegeben werden. 

Die Rede ist dabei nicht vom doofen Gekicher, auch nicht vom abfälligen Gegrinse und vom bösen Gelächter; das gehört zwar auch zum Stammbaum des Lachens, bildet aber eine Seitenlinie, ist eine Aberratio, eine Degeneration. Die Rede ist hier vom echten Lachen, vom großen befreienden Lachen, das manchmal mit einem Lächeln beginnt, das sich dann entfaltet und steigert, das den ganzen Menschen kitzelt und schüttelt und bisweilen erst nach einer Zeit der Seligkeit mit wohlig seufzender Mattigkeit endet. So ein Lachen verwandelt Förmlichkeit in Fröhlichkeit; es macht aus Menschen, die sich kaum oder gar nicht kannten, Freunde – manchmal für einen Abend, manchmal für Jahre. So ein Lachen kann, für ein paar Stunden jedenfalls, die Welt verändern. So ein Lachen ist eine Tonleiter, auf der man vom eigenen Sockel heruntersteigt. Es macht aus einem Philosophen, es macht aus einem Präsidenten einen normalen Menschen. Es ist dies der schönste Beginn eines herrschaftsfreien Diskurses, Lachen macht die Menschen in diesem Augenblick zu Freien und Gleichen. 

Jürgen Habermas kennt das, er weiß das, er kann das. Er ist, ganz privat, ein grundfröhlicher Mensch. Vielleicht ist dies das Geheimnis, vielleicht aber auch das Ergebnis seines Erfolgs. Die Leserin seiner berühmten Habilitationsschrift über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ ahnt es nicht, dass dieser Mann auch laut sein und losprusten kann; dem Leser seines großen Werkes „Faktizität und Geltung“ zur Diskurstheorie des Rechts erschließt sich das daraus nicht: Der hochwissenschaftliche Autor hochkomplexer Gedankengebäude beherrscht das Lachen als eine der schönen Formen der Komplexitätsreduktion. Zu Habermas, dem Virtuosen der Diskurstheorie, gehört in der alltäglich lebenden Praxis auch der Witz und eine furiose, manchmal auch alberne Ausgelassenheit.

Es war im kleinen Kreis, im privaten Rahmen, an einem großen Tisch, ein gutes Jahrzehnt her. Da trafen zum ersten Mal in ihrem Leben Jürgen Habermas und Dieter Hildebrandt persönlich aufeinander – jeder ein Philosoph auf seine Weise. Der eine, Habermas, ein klassischer politischer Denker, weltweise, einer der den Dingen auf den Grund zu gehen versucht. Der andere ein wunderbarer politischer Kabarettist, der in seiner gekonnt stammelnden Art unnachahmlich bissig über diese Dinge nachdenkt. Beide hatten und haben sie die politischen Auseinandersetzungen und Diskussionen der Bundesrepublik auf jeweils ihre, höchst eigene, Weise begleitet, beide galten und gelten sie als eher links, beide waren sie engagiert in den großen Bewegungen und Debatten der alten und neuen Bundesrepublik – beginnend bei der Bewegung „Kampf dem Atomtod“ und den Ostermärschen bis hin zur Einschränkung des Asylgrundrechts; für Habermas war das Ende des alten Asylartikels 16 Absatz 2 Grundgesetz Ausdruck einer „Mentalität des Wohlfahrtschauvinismus“.

Beide haben in der Zeit der Studentenunruhen über Revolution und Scheinrevolution sinniert, beide haben sich von Gewalt abgegrenzt; beide haben die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zum Thema gemacht, haben über Adenauer räsoniert und Merkel kritisiert. Habermas tat das in vielen Essays und Schriften, in denen er das, was er in seinen großen Werken über Diskurs und Kommunikation lehrte, auf die aktuellen Debatten anwendete. Hildebrandt tat das in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und in Fernsehauftritten, die einmal so bissig waren, dass sich der Bayerische Rundfunk, um die CSU nicht zu erzürnen, aus dem Programm ausschaltete. 

Habermas wie Hildebrandt haben, auf ganz unterschiedliche Weise, Einfluss genommen auf die Debatten, die den Weg der Bundesrepublik nach Europa begleiteten – ein Europa, das für Habermas ein „höherstufiges politisches Gemeinwesen“ darstellt, das er für einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft hält. Hildebrandt, 2013 verstorben, hätte dieses Europa genau so vehement gegen den neuen Nationalismus und dem populistischen Extremismus verteidigt, wie Habermas sich das in den vergangenen Jahren zur Aufgabe gemacht hat und mit unermüdlich junger Energie tut: „Es sind die Bürger, nicht die Banken, die in europäischen Schicksalsfragen das letzte Wort behalten müssen“, schrieb er 2015 in einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“, in dem er, wie so oft seitdem, für den Ausbau der Währungsgemeinschaft zu einer politischen Union warb. Die Nationalstaaten, dies war und ist sein Credo, müssen Souveränität an ein demokratischeres Europa abgeben. 

Diese beiden älteren Herren – der größte deutsche Philosoph der eine, der größte deutsche Kabarettist der andere – saßen also bei einer kleinen privaten Einladung nebeneinander am großen Tisch, als man im Bücherregal, auf einem Radiogerät liegend, ein gelbes Plüschtier entdeckte, so fünfunddreißig Zentimeter lang, wie man es als Spielzeug auf italienischen Autobahntankstellen kaufen kann, um dann damit die Kinder auf dem Rücksitz eine Weile zu beschäftigen. Das Tier war langgestreckt, eine gewagte Mischung aus Wurm und Ente, hatte einen roten Schnabel und machte, wenn man den kleinen Schalter betätigte, rollierende Bewegungen zu einer eingängigen, piepsenden Melodie. Die beiden Herren Habermas und Hildebrandt legten das Plüsch-Ententier auf den Tisch und sahen ihm verklärten Blickes eine Weile dabei zu, wie es sich melodisch verrenkte – dann platzierten sie das Tier mit glucksendem und sich steigerndem Vergnügen auf Schulter oder Bein des jeweils anderen, bis sich nicht nur das Tier kringelte, sondern auch sie selbst.

Homer hat in der Ilias und in der Odyssee die Götter beim Lachen beschrieben. Das seitdem sprichwörtliche homerische Gelächter stelle ich mir so vor wie das Lachen von Jürgen Habermas und Dieter Hildebrandt beim ausgelassenen Turteln mit der Ente. 

Seit „Der Name der Rose“, seit Umberto Ecos Roman, wissen wir, dass sich Fundamentalisten vor dem Lachen fürchten. Wer lacht, hat keine Angst; Lachen hat etwas Revolutionäres. Deshalb versteckt in Ecos Roman der Mönch und Bibliothekar Jorge von Burgos das zweite Buch der Poetik des Aristoteles in seiner Bibliothek mit allen Mitteln vor der Welt; es ist nämlich ein Buch, das das Lachen lobt. Jorge von Burgos glaubt, dass nur Angst die Menschen dazu bringen könne, ein gottgefälliges Leben zu führen. Der Mönch und Bibliothekar fürchtet, dass das Lachen das Einschüchterungssystem des Mittelalters zum Einsturz bringen könnte. Habermas ist das Gegenteil dieses Bibliothekars. Seine Diskurs- und Kommunikationstheorie ist eine Philosophie der Entängstigung. Jürgen Habermas ist ein demokratischer Weltphilosoph, ein grund- und menschenrechtsgeprägter. Man könnte sich Habermas, der ein libidinöses Verhältnis zu Recht und Gerechtigkeit hat, eigentlich auch als einen Juristen vorstellen. Wäre er Jurist geworden – man wüsste heute, was ein Weltjurist ist. Ein glänzender Publizist ist er ohnehin, einer, der sich immer wieder um die Zukunft der seriösen Zeitung sorgt und gesorgt hat, weil „keine Demokratie […] sich ein Marktversagen auf diesem Sektor leisten kann“. Zugleich warnt er vor einem „Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert“ – und so zu einer „postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit“ beiträgt. Das wäre, das ist ihm ein Horror. Das wäre, das ist nicht zum Lachen, sondern zum Weinen. 

Dem weltweisen Gelehrten, dem politischen Menschen Jürgen Habermas alles Gute zum 90. Geburtstag.

(aus: »Blätter« 6/2019, Seite 45-47)
Themen: Kultur, Demokratie und Ethik

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